Über Stadt.Land.Pop


Stadt.Land.Pop. – Popmusik im Museum?!

In der Regel betrachtet man die Metropolen dieser Welt als die musikalischen Zentren und als die Orte, an denen Ideen und Anschauungen in Musik verarbeitet werden. Dass dem nicht immer so ist und dass Musik auch aus unbekannten Orten die musikalische Szene bedeutend prägen kann, beweist eine Ausstellung in Oelde.

Hier eröffnete am 27.11.2008 das Museum für Westfälische Literatur im Kulturgut Haus Nottbeck die Ausstellung „Stadt.Land.Pop. Popmusik zwischen westfälischer Provinz und Hamburger Schule“.

Im Mittelpunkt dieser Ausstellung stehen mit der Szene der Hamburger Schule zahlreiche Bands und Solokünstler, die eben nicht in Großstädten wie Hamburg oder Berlin aufgewachsen sind, sondern im westfälischen Ostbevern oder Bad Salzuflen. Dazu gehören u. a. Bernd Begemann & Die Befreiung, Bernadette La Hengst und die Frank-Spilker-Gruppe, die die Ausstellung durch ihre Konzertreihe bereichern. Neben den exklusiven Konzerten werden dem Besucher diverse seltene Exponate wie zahlreiche Songtexte, Videos, Interviews, als auch LP- und CD-Cover dargeboten, welche die einzelnen Künstler dokumentieren.

Des Weiteren präsentiert die Ausstellung die Verbindung von deutschsprachiger Musik und Literatur, welche sich in dem Songwriting der genannten Künstler widerspiegelt und durch diese Ausstellungsobjekte ebenfalls aufgezeigt wird. Im Zentrum steht ebenfalls das zwiespältige Verhältnis zwischen der westfälischen Heimat und der großstädtischen Wahlheimat, welches sich u. A. in vielen Songtexten der Musiker niederschlägt.

„Stadt.Land.Pop.“ ist somit nicht nur für eingefleischte Fans dieser Künstler interessant, sondern kann auch für „Greenhorns“, die an regionaler Kultur interessiert sind, zum besonderen und unvergesslichen Erlebnis werden. Diese Gelegenheit kann der Besucher bis zum 19.04.2009 nutzen.

Karten im VVK für alle Konzerte können schon ab 10€ erworben werden und sind sowohl direkt auf dem Kulturgut Haus Nottbeck, als auch beim Die Glocke-Kartenservice, im Forum Oelde und beim ASTA der Universität Bielefeld erhältlich.

Weitere Informationen auf www.kulturgut-nottbeck.de oder unter der Telefonnummer 02529/945590 (Kulturgut Haus Nottbeck).

Nadja Scherbakov



Es war einmal… in Ostwestfalen – Popgeschichte im Kulturgut Nottbeck
31. Dezember 2008, 13:33
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In einer Ecke steht ein Bücherständer mit Büchern und Schallplatten, Relikten aus den 60er bis 80er Jahren: Science Fiction Sammelbände vom Heyne Verlag, Jack Kerouac, Allen Ginsberg, die Ramones und andere Punk Bands. An der Wand alte Zeitungsartikel und Fotos. Im Hintergrund läuft ein Musikvideo. Es riecht ein wenig modrig. Diese nostalgisch anmutende Kulisse mag anfänglich wie die Beschreibung eines alten Jugendzimmers klingen, ist aber tatsächlich Teil der Ausstellung “Stadt.Land.Pop – Popmusik zwischen westfälischer Provinz und Hamburger Schule”, die am Donnerstag den 27.11.2008 im Kulturgut Haus Nottbeck eröffnet wurde. Zentraler Bestandteil sind Musik und Songtexte der Künstler Bernadette La Hengst, Bernd Begemann, Frank
Spilker und der Bands Die Sterne und Erdmöbel. Was diese Musiker vereint, ist nicht nur ihre Zugehörigkeit zur “Hamburger Schule” einer losen Musikbewegung, die sich durch ihr anspruchsvolles Songwriting einen Namen machte, sondern auch ihre gemeinsamen Wurzeln in Ostwestfalen. Haus Nottbeck widmet diesen Künstlern und ihrem schaffen eine eigene Ausstellung – mit nicht ganz verhohlenem lokalpatriotischen Stolz. Neben diesem regionalen Aspekt thematisiert Stadt.Land.Pop” auch die Verbindung zwischen Literatur und Popmusik.

Die Ausstellung beschränkt sich auf zwei Räume: An den Wänden des Hauptausstellungsraumes werden Bilder und ausgewählte Songpassagen der jeweiligen Musiker dargestellt, um dem Betrachter einen Eindruck über den literarisch-poetischen Anspruch der Musik zu vermitteln. Audio
-und Videoterminals bieten die Möglichkeit sich eingängiger mit Musik und den Musikern selbst zu beschäftigen. Sobald man diesen Raum verlässt, präsentiert sich einem ein radikaler Ästhetikwechsel. Das moderne Design weicht vergilbten Zeitungsauschnitten und Flyern in “Do-it-yourself” Optik. Vorbei an alten Kassettensamplern und einem Schrein für das alte Vierspur-Tonbandgerät des Tontechnikers Frank Werner, der an einem Großteil der frühen Aufnahmen der Künstler mitgearbeitet hat, führt der Weg in den oben beschriebenen Keller. Hier finden sich Exponate aus den Jugendjahren der Musiker und die ersten Gehversuche im Musik-Business mit dem eigenen Indie-Label “Fast Weltweit”.

Somit ist der Keller auch das Highlight der Ausstellung. Er spiegelt die Atmosphäre der Gründungsjahre sehr authentisch und durchaus liebenswert wieder, gewürzt mit einer Prise Nostalgie. Der große Ausstellungsraum kann zwar durch seine modern-poppige Gestaltung überzeugen, wirkt aber doch eher funktionell: Er veranschaulicht hauptsächlich den lyrischen Charakter der Songtexte. Dieser geringe Umfang ist die Hauptschwäche der Ausstellung. Gern hätte man noch ein wenig mehr erfahren, mehr atmosphärisch gestaltete Räume gesehen, die den musikalischen Werdegang der Künstler veranschaulicht hätten. Nichtsdestotrotz gelingt es der Ausstellung – trotz der geringen Größe- sehr gut, ihr Anliegen an den interessierten Besucher heranzutragen: Lyrik und Pop Musik geben ein besseres Paar ab, als es uns der usikalische Einheitsbrei glauben lässt, den wir so oft aus dem Radio zu hören bekommen. Insofern ist die Ausstellung jedem weiterzuempfehlen, der gerne einen atmosphärischen und visuellen Einblick in die Frühgeschichte des modernen ostwestfälischen Pop gewinnen möchte.

Ernst Neumann



Kettcar machen erwachsen
31. Dezember 2008, 12:46
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Das neue Album «Sylt» von Kettcar

Zwei Jahre nach dem Album «Von Spatzen und Tauben, Dächern und Händen» kommt das neue, schlicht «Sylt» genannt, auf den Markt. Problem: Kettcar sind Kettcar sind Kettcar. Schluss mit dem Gerede von Liebe. Kettcar machen ernst. Oder besser Kettcar machen erwachsen.

Natürlich hätten sie weiter über Liebe und Neid singen können. Doch «Romantik und Gemütlichkeit kriegen hier die Tür vor die Nase», erklärt die Band selbst, wohl wissend, dass diesbezüglich das Vorgängeralbum ohnehin nicht zu toppen gewesen wäre. So viel Lob gab es damals, von Fans und Presse gleichermaßen. Überschwänglich wurden Kettcar gefeiert, eine hohe Charts-Platzierung gab es dazu.

Auch die musikalischen Karten wurden neu gemischt. «Sylt» hat so gar nichts heimelig Wohltuendes, das Album schlägt Krach, es schmerzt, es drängt. Strukturen werden überworfen, Kontrapunkte platziert und immer wieder Zeichen gesetzt. Und trotzdem ist es mitreißend, tanzbar und leidenschaftlich.

Der Blick schweift vom Inneren zu den Alltagsgeschichten. Nur nicht nach außen, denn es gibt «Kein Außen mehr» und Distinktion funktioniert schon lange nicht. Wo mal hell und dunkel, schwarz und weiß waren, gibt es heute nur noch rohes atmosphärengrau. Die Gitarren rauschen etwas mehr, der Gesang droht manchmal in Nuscheleien unterzugehen. Ziemlich hart für selbsterklärte Gitarrenpopper. Gleich zu Beginn der knapp 44 Minuten sabotiert die Band mit der ersten Single «Graceland» prominente Mythen, zweifelhafte Begegnungen und sich selbst gleich mit. Statt Ich und Du spricht nun das wütende Wir, das gnadenlos schildert, was schief läuft. Früher war nicht alles besser, aber es fiel leichter, mit dem Finger auf andere zu zeigen.

Auch wenn das Lied gute Laune verbreitet, berührt der Text eher durch Sachlichkeit. Ernüchterung setzt auch schon bei einem Bierchen «Am Tisch» ein. Das Finale einer Freundschaft, bei dem Niels Frevert und Ich-Erzähler Wiebusch aneinander vorbei, aber dem anderen letztmalig ins Gewissen reden. Dieser unerwartete wie bereichernde Auftritte verleiht dem Lied eine  bedrückende Tragik.

In zwölf Geschichten, die vor Projektionsflächen nur so strotzen, die das Scheitern kompromisslos und bis über die Schmerzgrenze hinaus beschreiben («Würde», «Verraten») oder prophezeien («Geringfügig, Befristet, Raus»), arbeiten sich die Hamburger an der Wirklichkeit ab. Und noch ehe die Nordsee der Insel das letzte Stückchen Land raubt, legen Kettcar «Sylt» in Schutt und Asche. Mit ihr verschwinden all die Träume, all die Lügen und all die Intrigen.

Und mit «Wir Werden Nie Enttäuscht Werden » läuten Wiebusch und Co. die Trostrunde ein. Die Sprengkraft des Liedes erinnert enorm an das ähnlich positionierte Tocotronischen «Explosionen». Aber hier geht am nächsten Tag die Sonne auch wieder über Sylt auf und bringt neue Träume, neue Lügen und neue Intrigen. Willkommen in der Realität.

«Sylt» ist eine gute Platte, eine sehr gute sogar. Mit den Kettcar-typischen eingängigen Pop-Melodien, mit weisen Texten. Sofern man sie denn versteht, manchmal wirkt es doch allzu sehr dahingenuschelt. Aber es ist nicht anzunehmen, dass ihr der gleiche Erfolg beschieden sein wird wie dem Vorgänger-Album, das weit weniger anstrengend, weit weniger klagend und vor allem zielgruppenaffiner war. «Sylt» ist eine realistische und daher mitunter düstere Chronik.

Anne Kristin Fuest

Kettcar, das sind:
Marcus Wiebusch – Gesang & Gitarre
Lars Wiebusch – Tasten & Gesang
Reimer Bustorff – Bass & Gesang
Erik Langer – Gitarre & Gesang
Frank Tirado Rosales – Schlagzeug



Blumfeld… oder: Musik lesen

1. Szene
Ein altes Buch mit Leineneinband, der sich etwas rau anfühlt. Klappt man es auf, riecht es leicht modrig. Eben wie ein altes Buch. Man liest dort von einem älteren Junggesellen, der in einer kleinen Wohnung wohnt, der dann und wann den Gedanken hat, sich einen Hund anzuschaffen um damit seine Einsamkeit zu bekämpfen und dessen einziger Kontakt zum anderen Geschlecht die Bedienerin ist, die sein Zimmer in Ordnung hält. Und als drückte dies alles nicht schon genug kühle Entfremdung aus, gesellen sich zwei kleine Zelluloidbälle zu ihm, die – umblättern – hinter seinem Rücken auf und ab hüpfen und die er – trotz inständigen Bemühens – nicht zu fassen kriegt. Er versucht, sie loszuwerden, indem er sie an Kinder aus seinem Wohnhaus verschenkt.

Aber die ganze triste Lebensumwelt dieses Junggesellen wird erst durch einen Einblick in seinen Arbeitsalltag in einer Fabrik vervollständigt. Nicht nur wachsen ihm die Aufgaben über den Kopf: er ist auch Angriffsziel von Spott und leidet unter seinen zwei minderjährigen Praktikanten. Sie sind eher hinderlich als produktiv und der ältere Junggeselle ist nicht fähig, sie in die Schranken zu weisen. Buch zu.

2. Szene
Ein Jugendzimmer. Hier und da ein paar Poster, bunt durcheinander gewürfelte Klamottenhaufen auf dem Boden, Papierstapel auf dem Schreibtisch und Literatur auf dem Nachtschrank. Kaffeegeruch. Man hört Musik. Eine aufgeklappte CD-Hülle liegt direkt neben dem Player, das abgegriffene Cover mit herausgestrichenen Eselsöhrchen daneben. Was man hört, ist kaum der allgemein kursierende Einheitsbrei: leicht schwingende Gitarrenmusik, tragender Rhythmus und eine sanfte, hohe, melodische Männerstimme. Sie singt Deutsch. Schlagerhaft. Aber dafür eben doch nicht platt genug…. Sie singt gutes Deutsch. Klingendes Deutsch. Poetisches Deutsch.

Nun statt Preisfrage ohne Gewinn gleich die Auflösung. Die erste Szene spiegelt die Lektüre von Franz Kafkas Erzählung „Blumfeld“, vor fast hundert Jahren verfasst und vielleicht für den ein oder anderen mittlerweile staubig zu lesen. Szene 2: Musik hören, moderne deutsche Popmusik. Doch jetzt: Kafka und Popmusik? Was zunächst als eine sich widersprechende Assoziation erscheinen mag, vereint tatsächlich eine der Hamburger Schule entsprungenen Band auf sich. Und dies nicht etwa sublim versteckt und nur zelluloidballhaft hinter dem Rücken hervorlugend, sondern direkt ins Gesicht lachend: Die Band heißt BLUMFELD! Wer sie nicht kennt, mag nun vermuten: „OK. Oberflächliche Verbindung. Der Name ist ja auch, so klingend und bildhaft wie er ist, passend für eine Band mit seichter Popmucke.“

Fast Weltweite Bandwurzeln in Bad Salzuflen
Doch weit gefehlt: tatsächlich gelten Blumfeld mit Jochen Diestelmeyer als zentraler Figur mit ihrer vielseitigen Musik, die die verschiedensten Stile einbindet (von Gitarrenpop über Post-Punk bis hin zu Indie-Rock), als Wunderkind der Hamburger Schule. Diese ist eine Bewegung, die Anfang der 1980er Jahre in Hamburg als eine deutschsprachige intellektuell politische Musikszene entstand. 1985 gründen Bernd Begemann und Michael Girke in Bad Salzuflen das Label Fast Weltweit, auf das Jochen Diestelmeyer zwei Jahre später durch einen Artikel in der SPEX aufmerksam wird. Er kontaktiert sie und mischt von nun an in der Gruppe mit, die ständig neue Bands und Projekte auf den Plan schreibt. Mit Mirko Breder und Thomas Wenzel bildet Diestelmeyer zunächst die Band Die Bienenjäger, mit der er verschiedene Demos aufnimmt. Vier dieser Songs erscheinen auf Fast-Weltweit-Kassettensamplern. Doch das Label bleibt erfolglos und die Mitglieder gehen schließlich ihren eigenen Projekten nach. Auch Jochen Diestelmeyer macht seine eigenen Schritte, die für die Physiognomie seiner späteren Band bedeutsam sein sollen: er schreibt viel, hört HipHop und beginnt zu entdecken: „Es ist ja doch möglich, heutzutage ein Zusammen von Musik und Sprache herzustellen.“

Blumfeld starten
Über die Kolossale Jugend, eine weitere Band der Hamburger Schule, lernt Diestelmeyer schließlich André Rattay und Eike Bohlken kennen, mit denen er im Frühjahr 1990 das Trio Blumfeld gründet. Nach der ersten Single „Ghetto-Welt“ im Jahr 1991 veröffentlichen Blumfeld 1992 ihr in der Indie-Presse gefeiertes Debütalbum „Ich-Maschine“. Zwei Jahre später folgt das Album „L’Etat Et Moi“, das erneut mit guten Kritiken gesegnet ist. Im Jahr 1996 verlässt der Bassist Eike Bohlen die Band, um sich seinem Philosophie-Studium widmen zu können. Ihm folgt der Sänger, Songwriter und Bassist der Band Kante, Peter Theissen und mit Michael Mühlhaus als Keyboarder bekommt Blumfeld 1998 weiteren Zuwachs. Diese Umbesetzung der Band markiert auch einen Wandel im Sound: vom Gitarrenfeedback bewegt sich die Gruppe hin zu einer poporientierten Musik. So überraschen Blumfeld im folgenden Jahr mit ihrem dritten Album „Old Nobody“, das von einen neuen und weicheren Sound und weniger verschachtelte Texte geprägt ist. Nach „Testament der Angst“(2001) erscheint 2003 das Album „Jenseits von Jedem“. Die Band ist mittlerweile nach dem Ausstieg von Peter Theissen, der sich nun ausschließlich auf seine Band Kante konzentrieren will, mit Vredeber Albrecht neu besetzt. Das letzte Blumfeld-Album „Verbotene Früchte“ erscheint 2006. Ein Jahr später trennt sich die Band, nachdem sie im Mai 2007 auf Abschiedstournee gegangen war.

Bleibender Ruhm durch Poesie
Doch damit verschwindeen Blumfeld nicht einfach so von der Bildfläche: nach ihrer Auflösung erscheint eine Reihe von Würdigungen, die allesamt Blumfelds herausragende Position unter den modernen deutschsprachigen Bands herausstellen. Ruhm, der bleibt. Ihre Texte sind gesellschaftskritisch, sie verurteilen den Konsum, geben politische Statements ab. Blumfeld liefern Lieder, denen angenehm leicht zuzuhören ist und die doch von den wichtigen Dingen des Lebens erzählen, die Schweres einfach erklären, in denen alles nebeneinander steht, Texttrauer umarmt von fröhlichen Melodien, lange und kurze Songs, harte und weiche, leichte und schwere. Und dabei ist das wahrscheinlich Bemerkenswerteste des Blumfeldkorpus noch das Lyrische ihrer Texte, die sie zu fliegenden Händlern der deutschen Sprache machen. Blumfeld sind „Diskursrocker“. Jochen Diestelmeyer hat sich immer wieder als äußerst talentierter Poet bewiesen. So kommen ihre weit reichenden Botschaften eben nicht in platten Statements zum Ausdruck, sondern schleichen sich auf poetischen Zehenspitzen an. „Nur Literatur macht sensibel für unsere Gefühle zu unserem Leben und wie wir uns darüber äußern; Sprache bildet unser Denken und unser fühlen ab“, sagt Jochen Diestelmeyer, der wahrscheinlich gerade aufgrund dieser seiner lyrischen Ader immer im Mittelpunkt Blumfelds stand. Schon sein Gesicht scheint ganz Gedicht zu sein, jungenhaft schelmisch und doch poetisch tief. Und vielleicht sogar gleichzeitig auch ein bisschen träumerisch weltentflogen. Wie die Musik. Und dieser Jochen Diestelmeyer erweist sich noch dazu als hervorstechender Literaturkenner, der Werke geliebter Schriftsteller und Lyriker in einer bunt gewürfelten Mischung immer wieder in seinen Texten aufgreift: Else Lasker-Schülers „Komm zu mir in der Nacht – wir schlafen engverschlungen“ taucht in „Tausend Tränen Tief“ auf, Paul Celan findet die ihm gebührende Würdigung „Von Dunkel zu Dunkel“ im Song „Eines Tages“ und seine Geliebte Ingeborg Bachmann ebenso im tausend Tränen Tiefen „Es könnte viel bedeuten“. Ein Einblick, drei Zitierte von einer ganzen Reihe. Diese vielfache Intertextualität ist ein weiterer Grund, der Blumfeld als Popband für den denkenden Menschen ausweist: Was für die einen pure „Verkopftheit“ ist, bezeichnen andere als Intellektualität. Und plötzlich passt Kafka. Kafkas Blumfeld-Erzählung kritisiert den Kapitalismus, die Gesellschaft. Themen der Band Blumfeld. Sie erzählt von Einsamkeit. Von (mangelnder) Liebe. Herz der Band Blumfeld. Aber nicht zuletzt ist sie ein ganz großes Stück Literatur. Und das sind Blumfelds Texte auch: Meisterwerke der Sprache. Blumfelds Musik darf man nicht nur hören! Man muss sie lesen!

Ilka Zänger



Herzlich willkommen auf Über Stadt.Land.Pop

Was findet man in diesem Blog?!

Kurz.Gesagt
journalistische Texte, die allesamt eines gemeinsam haben – sie alle haben etwas mit der Hamburger Schule zu tun und sind thematisch an die Ausstellung Stadt.Land.Pop. angelehnt.

Genauer.Gesagt
Die Texte stammen aus der Feder von jungen Studentinnen und Studenten der Universitäten Paderborn und Bielefeld. Im Rahmen von journalistischen Schreibübungen, die Jochen Bonz im Wintersemster 2008 und im Sommersemester 2009 unter dem Titel „Kulturjournalismus: analytisches Lesen und kreatives Schreiben – Kulturrezensionen, Interviews, Portraits, Reportagen“ anbot, lernten die Teilnehmer die unterschiedlichen Textsorten kennen und wurden mit verschiedenen Methoden und Herangehensweisen vertraut gemacht, um schließlich selbst Stift und Papier zur Hand zu nehmen und erste journalistische Gehversuche zu unternehmen.

Grund.Lage
Das Museum für Westfälische Literatur am Kulturgut Haus Nottbeck in Oelde zeigt vom 27. November 2008 bis 19. April 2009 die Ausstellung „Stadt.Land.Pop. – Popmusik zwischen westfälischer Provinz und Hamburger Schule“. Die Ausstellung fußt auf einer interessanten These: Zahlreiche Bands, die mit ihrer Musik und ihren deutschsprachigen Texten Pop-Geschichte geschrieben haben, stammen aus Westfalen. Die musikalische Sozialisation von klingenden Namen der Szene begann also nicht, wie man dem Namen nach vermuten könnte, in Hamburg, sondern in Ostbevern und Bad Salzuflen.

Hinter.Grund
Die Hamburger Schule und, ganz dazu passend, die Tatsache, dass zu dem Thema tatsächlich momentan eine Ausstellung stattfindet, diente dem Seminar als thematischer Rahmen. Worüber sich der Begriff Hamburger Schule definiert, wie er von außenstehenden wahrgenommen wird und was die Begründer dieser musikalischen Bewegung zum Teil selbst dazu zu sagen haben, das und vieles mehr können Sie in den zahlreichen Beiträgen auf dieser Seite herausfinden.

Innerhalb der nächsten Wochen werden regelmäßig neue Texte hinzukommen – ein vermehrter Blick auf die Seite lohnt sich also!

Und nun – Viel Spaß beim Lesen!

Mathis Peckedrath



Heureka – Deutscher Sound mit starken Texten
14. Dezember 2008, 15:57
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Hamburger Indie-Band Tomte sorgt für Nachschub

Lange mussten die Tomte Fans auf ein neues Lebenszeichen ihrer Lieblingsband warten. Doch jetzt ist es soweit: „Heureka“ – Das mittlerweile fünfte Album der Hamburger Band steht seit dem 10.10.2008 in den Regalen. 12 neue Songs warten darauf, gehört zu werden.
„Wie wundervoll einfach gestrickt und vermisst das, was einen jeden Tag umgibt“, heißt es im Titeltrack „Heureka“. Einfach gestrickt, das sind Tomtes Songs bei Weitem nicht. Die einfühlsamen Texte werden nun auch klangvoll durch das Piano unterstrichen.
Heureka, eine CD, die beim Hören von mal zu mal besser wird und vermutlich nicht nur den eingefleischten Fans sicher gefallen wird.

Von Wichtelmännern zu Popgrößen
Knapp 20 Jahre ist es nun her, dass sich Frontmann Thees Uhlmann mit Christian Stemmann zur Band „Warpigs“ zusammenschloss. Schnell benannten sie sich in „Tomte Tummetott“, nach Astrid Lindgrens kleinem Wichtelmann im gleichnamigen Werk, um. Nach einigen Neubesetzungen und dem Verzicht auf den Anhang „Tummetott“ kam die Band auf Erfolgskurs. Einzig und allein Mitbegründer Thees Uhlmann spielt noch heute in der Band, und mit ihm blieb auch Tomte seiner Musik treu – einer Mischung aus deutschsprachigem Pop, Rock und Indie, womit sie sich durchaus zu der neuen Generation der Hamburger Schule zählen können. Einflüsse von „Tocotronic“, „Oasis“ und „The Smiths“ brachten Tomte zu ihrer Musik. Ohne ihren Stil zu verlieren, entwickelt die Band sich stets weiter. Unabhängig von den großen Plattenfirmen machen sie die Musik, die ihnen gefällt.

Eigenes Label – Eigener Stil
Um diese Freiheit genießen zu können, schlossen sich Uhlmann und die beiden Kettcar Mitglieder Reimer Bustorff und Marcus Wiebusch zusammen und gründeten ihr eigenes Label: Grand Hotel van Cleef.
Uhlmann hat trotz der vielen Jahre im Musikgeschäft noch sichtlich Freude an seiner Arbeit. „Einfach sich mit Tobi Kuhn im Studio auszutoben und vor allem Texte zu schreiben, was mir einen unheimlichen Spaß bringt. Das alles sind Gefühle, die die Platte zur Zeit überstrahlt.“
Die Platte strahlt nicht nur auf dem Cover, sondern startet gleich zu Beginn mit dem ausdrucksstarken Titeltrack „Heureka“ richtig durch- einem zum Mitsingen auffordernden Ohrwurm. Somit wird das Album durch die beiden vermutlich besten Stücke auf der ganzen Platte eingerahmt. Mit „Dein Herz sei wild“, einem kraftvollen und dynamischen Song, wird das komplette Werk gekonnt abgerundet.
Leider fehlt dem Mittelteil, trotz bewegender Texte, das gewisse Etwas. Neulingen in Sachen Tomte wird die Musik entweder sofort oder gar nicht gefallen. Die sehr ruhigen, oftmals melancholisch wirkenden Lieder, sowie Uhlmanns monotone Stimme sind vielleicht nicht Jedermanns Sache. Aber genau das ist es wiederum, was Tomte ausmacht. Kein explosiver Rock, sondern pathetische, ergreifende Stücke voller Individualität.
Mittlerweile lebt die Band der Hamburger Schule in Berlin. Dass sie ihre Heimat jedoch nicht vergessen haben und mit einem nostalgischen Auge betrachten, wird im Song „Wie siehts aus in Hamburg“ deutlich.

„Wie siehts aus in Hamburg?
Ein neues Viertel an einem Tag.
Wer ist pleite, wer ist fertig
und wer hat es ans Ufer geschafft?“

Ob sie jemals wieder nach Hamburg zurückkehren, bleibt ungewiss. Aber mit Sicherheit kann man sagen, dass wir noch viel von dieser Band hören werden. Deutschlandweit.

Dominik Linke



Sachen, die durch Sachen geistern
14. Dezember 2008, 15:33
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Anlässlich einer Ausstellung namens ‘Stadt.Land.Pop. – Popmusik zwischen westfälischer Provinz und Hamburger Schule’, die insbesondere den literarischen Wert von Musik in den Mittelpunkt rückt, sich aber in erster Linie auf den Beginn der „Hamburger Schule“ bezieht, sprach Reporterin für das Seminar ‘Kulturjournalismus’ der Universität Paderborn, Lisa Werdermann, mit einem der Erben dieser Musikrichtung: Thees Uhlmann, Tomte, Hamburger Schule 2te Generation. Nicht direkt involviert sein hat den Vorteil, den Überblick zu behalten und Aspekte zu erkennen, die die Beteiligten leicht übersehen. Umso aufschlussreicher kann ein Gespräch mit Thees Uhlmann sein. Inwieweit „Hamburger Schule“ ihn selbst beeinflusst hat, ob Musik überhaupt Literatur sein kann und was an Straßennamen besser als an musealen Expositionen ist, führte er umfangreichst aus…

Lisa: Wie würdest du “Hamburger Schule” definieren beziehungsweise was bedeutet “Hamburger Schule” für dich?
Thees: Ich würde “Hamburger Schule” als Musikszene zwischen 1988 bis vielleicht 1996, wo wirklich bahnbrechende Platten rausgekommen sind, definieren. Diese Platten haben zum ersten Mal, auf eine extrem gute Art und Weise, Pop/ Rock und deutsche Texte miteinander verbunden, wie es das so vorher noch nicht gegeben hat. Ja.

Lisa: Ich wollte vor allem auch mit dir sprechen, da Tomte zwar nicht wirklich mehr zur “Hamburger Schule” zu zählen ist, trotzdem aber schon noch damit verbunden wird. Ich glaube du hast den nötigen Abstand, um mir da als Experte zur Seite zu stehen. Wo würdest du demnach Parallelen zwischen dir und der “Hamburger Schule” sehen?
Thees: Genau! Das war halt das, was mich wahnsinnig inspiriert hat, als ich so 20/ 18/ 20/ 22 war. Wo die Leute gesagt haben, sie würden gute Musik machen, indem sie sich auch Mühe bei den Texten gäben. Versuchen würden, Texte zu schreiben, bei denen es etwas hinter dem Horizont gäbe. In die man sich quasi einfühlen kann. Texte, die einen gewissen Anspruch haben. Das hat mich wirklich inspiriert, ehrlich gesagt. Das war eine Musik, die mir wahnsinnig gut gefallen hat. Amerikanisch geprägtes Gitarrengeschrammel, sozusagen. Das war einfach der Shit für eine bestimmte Zeit. Das hat Sachen, die vorher durch die Sachen gegeistert sind, ad absurdum geführt. Zu einer bestimmten Zeit waren zum Beispiel ‘Ostzonensuppenwürfelmachenkrebs’ einfach eine der besten deutschen Bands, auch wenn sie nie Erfolg gehabt haben. So war das zumindest für mich. Die habe ich sehr lange gehört.

Lisa: Als wir uns im Seminar mit „Hamburger Schule“ beschäftigten, erschien es uns auf den ersten Blick paradox, dass die Künstler aus Ostwestfalen stammen.
Thees: Paradox, von daher, dass?

Lisa: Dass es „Hamburger Schule“ genannt wird, aber ursprünglich gar nicht aus Hamburg kommt. Das hat unter anderem auch diese Ausstellung in Oelde zum Anlass genommen, sich näher mit den Künstlern und deren Werken auseinander zu setzen. Du selbst bist auch in einem kleinen Ort groß geworden, hast, genauso wie Michael Girke und Bernd Begemann, ein Label gegründet und bist nach Hamburg gezogen. Inzwischen hast du Bernd Begemann unter Vertrag, wie ist es dazu gekommen? Wusstest du um seine „Bedeutung“ im Bezug auf die „Hamburger Schule“?
Thees: Bernd Begemann ist eine der schillerndsten Personen, die ich je kennen gelernt habe. Ich kenne in meinem Leben vielleicht drei Leute, die wirklich wahnsinnig gut entertainen können. Man kann sich neben die stellen und muss, oder kann, gar nichts sagen, weil sie so präsent sind und reden. Mit einem unglaublichen Wissen an Entertainment und Stories und an schlauen Gedanken, dass es einfach nur beeindruckend für mich war, ihn kennen zu lernen. Das war dann halt schon so Hamburger Musikerclique, Markus Wiebusch, der von Kettcar, kannte ihn zuerst und ich bin dann da quasi reingerutscht. Was mir sehr zu pass kam, war, dass ich es liebe, Ballerspiele zu spielen und Bernd Begemann es genauso liebt. Darüber haben wir dann, ehrlich gesagt, angefangen, uns ein bisschen anzufreunden.

Lisa: Bernd Begemann wird übrigens im Zuge der Ausstellung dort auch auftreten.
Thees: Oh super! Aber ist Bernd Begemann denn „Hamburger Schule“?

Lisa: Laut Definition ja. Er kam aus Bad Salzuflen, ging als Erster nach Hamburg und mit dem Label ‘Fast Weltweit’ gilt er unter anderem als Mitbegründer der „Hamburger Schule“.
Thees: Ja stimmt, von daher hast du natürlich Recht. (lacht) Das soll sich jetzt nicht despektierlich klingen, aber ich finde es natürlich drollig, dass der Landstrich, von wo die Leute herkommen, und so wie ich es mir vorstelle, waren das Außenseiter oder die komischen Leute auf dem Schulhof, plötzlich ein Aushängeschild sind. Zum Beispiel die Punkband ‘Muff Potter’; Nagel ist wohl der berühmteste Mensch aus Rheine, das muss man sich mal reinziehen! Das erscheint so absurd. Dass es halt Menschen sind, die im schlechtesten Fall auch ausgelacht wurden und dass, wenn dann Zeit ins Land zieht, dieses klassische „Ja geil ey! Wir kennen uns doch noch von früher!“ auftaucht. Dabei „kennen wir uns von früher wohl nur deshalb, weil du mich auf dem Schulhof mal zusammengeschlagen hast“. Das finde ich halt drollig und eine schöne Form von Respekt, wenn sich Leute um so etwas kümmern und eine Ausstellung auf die Beine stellen. Dem haftet dann aber auch immer dieser gesellschaftliche Irrglaube an, dass Ausstellungen erst über Leute gemacht werden, wenn sie tot sind. Aber vielleicht sollte man das nicht so schwer sehen. Ich finde es immer gut, wenn Künstler eine Würdigung erfahren. Wie gesagt, jemanden wie Bernd Begemann finde ich viel wichtiger als er eigentlich wahrgenommen wird.

Lisa: Könntest du dir denn vorstellen, dass deine Arbeit so oder so ähnlich mal gewürdigt wird? Bevor du stirbst, versteht sich.
Thees: Ich will einen Straßennamen in Hemmor haben!

Lisa: Wenn du meinst. Das ist ja fast noch bescheiden für deine Verhältnisse.
Thees: Thees-Uhlmann-Platz!

Lisa: Dann melde dich beizeiten beim Bürgermeister! Um noch einmal auf die Ausstellung zu kommen: Die Exponate, die gezeigt werden, sind neben Covern und Pressematerialien auch die Songtexte, da besonders großes Augenmerk auf den literarischen Aspekt der „Hamburger Schule“ gelegt wird. Nun habe ich allerdings gehört, dass du keine Bücher liest, höchstens mal die Zeitung. Inwiefern betrachtest du Musik als Literatur?
Thees: Schon richtig. Also, Musik ist ja Musik, sonst würde es ja Literatur heißen. Die Frage ist, was man mit den Texten macht. Will man die Texte losgelöst vom musikalischen Werk sehen? Bei Tomte ist mir das schon wichtig, dass die Texte als stringent gesehen werden, gut Tomte ist nicht besonders stringent, aber dass die Texte auch alleine stehen könnten. Ich könnte dir so viel zu Tomte Texten erzählen, dass sie andere Gedichte, die gut oder schlecht oder scheißegal sind, in den Schatten stellen. Vielleicht kann man Tomte Texte auch nicht so sehen, dass sie als Gedichte allein durchgehen würden. Ich lege aber schon großen Wert auf Metrik oder den Klang der Wörter. Von daher sage ich einfach über meine Texte, sie seien Lyrik. Das ist auch eine bewusste Entscheidung, da ich Lyrik mag und mich auch abgrenzen will gegen Leute, die sagen „Jaja, das ist nur son Text und hat nichts mit mir zu tun“, weil es ganz klar mehr ist, als nur das.

Lisa: Man muss ja auch nicht so in Schubladen denken.
Thees: Dankeschön! Das ist genau das, was ich meine.

Lisa: Gerne, das wollte ich ja auch hören. Wo würdest du die Zukunft der „Hamburger Schule“ sehen? In Ausstellungen wie in Oelde oder doch bei jungen Bands, die sie sich zum Vorbild nehmen?
Thees: Da könntest du genauso gut fragen, wo die Zukunft des Drum’n'Bass liegt. Es gab mal eine Zeit, wo alle Leute gesagt haben Drum’n'Bass wäre die Zukunft der Musik, das gäbe es ewig. Und das gibt es wahrscheinlich immer noch, nur kaum merkbar. Die kulturelle Relevanz ist hierbei wichtig. Irgendwann wird es wieder 16-jährige geben, die sich das erste Album von Blumenfeld anhören werden. Das machen ja schließlich immer noch viele. Und die werden dann so weggeblasen davon sein, dass sie sich ihren Teil davon abschneiden werden. Musik oder Kultur stirbt ja nicht. Sie verändert nur ihre Relevanz. Es kommt mir inzwischen wirklich so vor, als ob „Hamburger Schule“ ein Begriff ist, der musikhistorisch betrachtet wird und werden kann. Ich glaube einfach, dass gute Musik ewig überleben wird und zweifelsohne sind damals Platten rausgekommen, die bahnbrechend waren. Zumindest für solche Dorftrottel wie mich.

Lisa: Schönes Schlusswort. Vielen Dank, dass du dir Zeit genommen hast!
Thees: Aber gerne, bis bald!

Lisa Werdermann



Wo die Wurzeln der Hamburger Schule vergraben liegen
14. Dezember 2008, 15:12
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Auf Spurensuche in Bad Salzuflen


„So groß ist Bad Salzuflen nicht!“, antwortet eine Mittezwanzigjährige in der Fußgängerzone der Salzestadt auf die Frage, wo es ein Fremdenverkehrsbüro gäbe. Groß genug ist die ostwestfälische Stadt am Teutoburger Wald jedoch für 53.400 Einwohner und einige national berühmte Persönlichkeiten. Denn hier hat die legendäre Musikbewegung der Hamburger Schule ihre Anfänge gemacht. Pünktlich zur Ausstellung „Stadt.Land.Pop.“ in Oelde wurden die Hinterlassenschaften der Musiker wieder hervorgeholt und bekommen ihre Huldigung. Doch wie sieht es in der Heimatstadt von Bernd Begemann, Frank Spilker, Jochen Distelmeyer und Bernadette LaHengst aus? Auf der Suche nach Augenzeugen, Sternen und anderen visuellen sowie mentalen Spuren lässt sich erkennen, wie es um den Lokalpatriotismus der Ostwestfalen wirklich steht.
Der Freitagnachmittag ist kühl, aber dafür trocken. Vom Bahnhof aus geht es zu Fuß in die Innenstadt. Ohne Stadtplan, aber dafür mit Wegweisern. In einem der historischen Fachwerkhäuser am Marktplatz befindet sich ein kleiner Kiosk mit Ansichtskartenständern vor der Tür. Hier könnte ein Urgestein zu finden sein. Der nette Ladenbesitzer outet sich jedoch als Zugezogener und scheint nach einigen Fragen nicht weiterhelfen zu können. „Hengst? Ist das nicht die vom Arzt?“ fällt nach kurzem Überlegen einem Kunden ein. Damit liegt der Herr gar nicht so falsch. Bernadette LaHengst, die Tochter des Orthopäden aus der Osterstraße, war damals das einzige Mädchen der Gruppe und gründete später ihre eigene Band namens „Die Braut haut ins Auge“. Heute ist sie wieder solo unterwegs und lebt in Berlin.
Ein 16-jähriger Junge weiß, wo man ihre neueste Platte „Machinette“ möglicherweise finden könnte. Er führt ortskundig durch die Straßen und Gassen hin zu einem großen Einkaufskomplex. Im Elektroladen mit „umfangreichem Sortiment in dem Bereich Audio“ lässt sich jedoch kein Künstler der Hamburger Schule finden. Und auch die Suche in einem weiteren Verbrauchermarkt bleibt erfolglos. An der Informationstheke kommt es zu Verwirrungen. “Die Band heißt Blumfeld und das Album „Die Sterne“?“ Dem Verkäufer ist die Band ein Begriff, doch bei den Albumtiteln hapert es. Spitzfindig erkennt er, dass die Musik in deutscher Sprache gesungen wird. „Klar, sonst würden die ja nicht Blumfeld heißen!“. Vermeintlich nach dem Ende der Neuen Deutschen Welle wagten es die Musiker gegen den Strom zu schwimmen und in ihrer Muttersprache zu texten. „Wir sind irrelevante Landeier und wir singen ausschließlich über das Wichtigste.“, schrieb einst Bernd Begemann, der noch heute seine Platten auf Deutsch besingt. Der Sohn vom Tierarzt aus der Ahornstraße hat sogar ein Lied über Bad Salzuflen und seine Bewohner herausgebracht: „…und Kriege würden aufhören, wenn alle wie Bad Salzufler wären…“. Er hat den Hang zur Realität und den Sinn für die Heimat also nicht verloren. Mit „Die Befreiung“ hat er erst letzten Monat einen Tourstopp in der Lokation eingelegt. Der Veranstaltungsort im Bahnhof wirkt am Tage wie ausgestorben, doch abends bekommen hier u.a. regionale Künstler die Chance, sich zu beweisen. Auch sonst will Bad Salzuflen Musikern helfen. Mit „musica 2000“ wurde eine Initiative zur Förderung und Stärkung des Musiklebens sowie der musikalischen Kultur ins Leben gerufen. Doch auch im Bürgerberatungsbüro des Rathauses kann man mit der Tochter und den Söhnen der Stadt nichts anfangen. Die Ehrenbürgerschaft haben sie also noch nicht erlangt.
Ein Lichtblick bleibt – Frank Werner. Er war derjenige, der mit seinem Vierspur-Tonbandgerät die ersten Aufnahmen gemacht hat und noch immer in der Region ansässig ist. Das Gerät steht heute allerdings nicht in einer Vitrine, sondern wurde verkauft und schon damals in die Zukunft investiert. Es entstand 1985 das Label „Fast weltweit“ und mit ihm einige Kassetten und Singles. Fast weltweit liegt jedoch fast im Wald. Und so wird es ein schwieriges Unterfangen mit dem Bus, der nur im 60-Minuten-Takt fährt, dorthin zu gelangen. Besser klappt es mit der Kontaktaufnahme per E-Mail. Werner betreibt noch heute unter dem alten Namen sein Geschäft, nur ist es kein Tonstudio mehr. „Ich denke gerne an die Zeit zurück; sie war für mich sehr wichtig, spannend und eine große Herausforderung.“ Neben den Erinnerungen bleibt auch eine weitere Verbindung zwischen den Künstlern und der Heimat, nämlich ihre Familien. Zur Ausstellungseröffnung trafen sich einige wieder, so Werner.
Die Spuren unter den Bad Salzuflern scheinen jedoch sehr verwischt. Auch nach weiteren Passanten-Befragungen hört man immer wieder die gleiche Antwort: „Spilker? Nein, noch nie gehört.“. Und dabei war Frank, der Sohn des Landschaftsgärtners Spilker, mit seiner Band „Die Sterne“ in den deutschen Charts sehr erfolgreich. Aber die Bäderstadt muss wohl erst eine Sarah Connor hervorbringen, um in den Köpfen der Leute einen bestimmten Bekanntheitsgrad zu erreichen. „Zu Stadtfesten werden als Entertainment Top-Forty Cover Bands von bundesweit agierenden Agenturen gebucht, die den Kleinbürgern zu Bockwurst und Glühwein AC/DC oder Schlagerfeeling vermitteln.“
Und so ist es kein Wunder, dass die Musiker einmal nicht den vielen Wegweisern folgten und letztendlich in Hamburg ihr Glück fanden.

Linda Krahn



Popkultur trifft Bildungselite
14. Dezember 2008, 12:54
Gespeichert unter: Reflexion

Wie sich Studenten der Universität Paderborn dem Popjournalismus nähern.
Samstag, 9:15 Uhr, etwa ein Duzend junge Menschen versammeln sich im 7. Stock der Universität Paderborn. Darunter auch Herr Weil, ein „Popper“, oder allgemein verständlicher formuliert, ein Masterstudent des deutschlandweit einzigartigen Studiengangs „Populäre Musik und Medien“. Wie jeden morgen klappt er übermüdet sein dekadent schickes Notebook auf und sieht kurz nach dem Rechten in der Welt bei spiegel-online und intro.de. „Die tägliche Lektüre journalistisch aufgearbeiteter Ereignisse der Pop-Branche ist für Lehre und Privatbereich äußerst befruchtend und unabdinglich“ flüstert Weil mir zu, ohne sich danach das Grinsen verkneifen zu können. Image ist alles, als Popper und als Popmusiker. Auch als Popjournalist? Eine Antwort auf diese und weitere Fragen erhofft sich der 20 jährige im Verlauf des Seminars.
Jochen Bonz, Poptheoretiker in weitestem Sinne und Musikjournalist (er hat unter anderen für Intro, taz und Radio Bremen gearbeitet) leitet die Lehrveranstaltung. Er beginnt nach kurzem Vorgespräch mit einer praktischen Übung. Drei Artikel aus popkulturellen Bereichen sollen nach strukturellen, sprachlichen und inhaltlichen Gesichtspunkten erfasst und bewertet werden. Gängige Praktiken des journalistischen Schreibens werden nach und nach von den Studenten erfasst und im Gruppengespräch erläutert. Dabei streut Bonz immer wieder informative Randinformationen und Insiderwissen ein. „Wenn man immer nur mit den abstraktesten Medientheorien und weltfremden Analysen von Popkulturphänomenen beworfen wird, ist man froh, mal ein wenig praxisnaher unterrichtet zu werden.“ lässt Weil in unserem Nachgespräch verlauten und zeigt damit einen leichten Unmut gegenüber einigen Bereichen seines Studiums. Viele Fächer seien zu theoretisch und ohne Bezug zur Wirklichkeit, meint er. „Popjournalismus“ bilde da eine Ausnahme.
Während der zweiwöchigen Pause bis zum nächsten Blockseminar wird den Studenten aufgetragen, ein Konzept für eine journalistische Arbeit zu entwerfen, die sich in irgendeiner Weise mit einer demnächst in Stromberg, Ost-Westfalen, stattfindenden Ausstellung über die so genannte „Hamburger Schule“ befassen soll. Als „Hamburger Schule“ wird gemeinhin der musikalische Kreis um Bands wie Tomte, Tocotronic oder Blumfeld bezeichnet, meist ausgehend vom Label Grand Hotel van Cleef.
Weil entscheidet sich für eine Plattenkritik des Albums „Heureka“ der Band Tomte. Thees Ulmann, Sänger von Tomte ist Identifikationsfigur der Hamburger Schule. Das dies so ist, ist nach eigener Aussage auch das einzige, was Weil über die Hamburger Schule weiß. „Ich hasse Tocotronic, mehr kann ich nicht sagen.“ Offensichtlich weiß er noch, dass Tocotronic ebenfalls der Hamburger Schule zugeschrieben wird.
Den Faktor „Unwissenheit“ versucht sich Weil nun zu Nutze zu machen. In den letzten Wochen vage herausgebildete Vorstellungen von einem gewissen Kult-Status von Tomte und deren Labelkollegen von Grand Hotel van Cleef in der intellektuellen Szene will er anhand von „Heureka“ auf Rechtfertigung überprüfen; und das ohne den kontextuellen Hintergrund von Band, Label und Hörerkreis zu berücksichtigen. Er kennt ihn schlicht nicht.



Schreiben, schreiben, schreiben.
14. Dezember 2008, 12:53
Gespeichert unter: Reflexion

An der Uni Paderborn haben Studierende die Möglichkeit, Erfahrungen in ihren zukünftigen Arbeitsbereichen zu sammeln. Journalistische Texte schreiben, die anschließend veröffentlicht werden, fotografische Arbeiten gestalten, Filme oder Radiomitschnitte produzieren – das Feld der Möglichkeiten ist dabei groß. Lieschen Müller, Studentin der Populären Musik und Medien, nutzt dieses Angebot. „Ich versuche jedes Jahr mindestens ein Praxisseminar zu machen. Da kann man sich super ausprobieren.“ Im Wintersemester 2008 wird der Kurs „Kulturjournalismus“ angeboten. Die Studierenden eignen sich zunächst die Grundlagen zum Verfassen journalistischer Texte an und analysieren verschiedene Zeitungsartikel, um Genres und Ausdrucksweisen kennen zu lernen. Anschließend fangen sie an, eigene kleine Artikel zu verfassen. „Ein Thema zu finden ist gar nicht so schwer“, Lieschen Müller. „Wenn man einen Anfang gefunden hat, macht das Schreiben sogar richtig Spaß.“
Neben der Themensuche müssen sich die Studierenden entscheiden, welches Genre sie wählen – eine Reportage, einen Kurzbericht oder ein Portrait. Die genaue und ausführliche Recherche bewältigen die Studierenden allein. „Unser Dozent ist natürlich für Fragen jederzeit ansprechbar“, so Lieschen. Sie selbst hat für das Seminar ein Interview über die Ausstellung „Stadt.Land.Pop“ geführt. Diese Ausstellung zur Hamburger Schule wurde mit Hilfe von Studierenden der Universität Paderborn und der Universität Münster erarbeitet und findet vom 27.11.2008 bis 19.05.2009 in Haus Nottbeck statt.
Zum Abschluss des Seminars werden die Arbeiten der Studierenden auf einem Internet-Blog veröffentlicht, verrät der Dozent und Kulturjournalist Jochen Bonz. „Wir besprechen die Arbeiten daher im Vorfeld ausführlich.“ Solche oder ähnliche Seminare gibt es inzwischen immer häufiger. Die Universitäten werden langsam praxisorientierter. Den Studierenden kann das für die Zukunft nur helfen.
Doreen Dang