Über Stadt.Land.Pop


Blumfeld… oder: Musik lesen

1. Szene
Ein altes Buch mit Leineneinband, der sich etwas rau anfühlt. Klappt man es auf, riecht es leicht modrig. Eben wie ein altes Buch. Man liest dort von einem älteren Junggesellen, der in einer kleinen Wohnung wohnt, der dann und wann den Gedanken hat, sich einen Hund anzuschaffen um damit seine Einsamkeit zu bekämpfen und dessen einziger Kontakt zum anderen Geschlecht die Bedienerin ist, die sein Zimmer in Ordnung hält. Und als drückte dies alles nicht schon genug kühle Entfremdung aus, gesellen sich zwei kleine Zelluloidbälle zu ihm, die – umblättern – hinter seinem Rücken auf und ab hüpfen und die er – trotz inständigen Bemühens – nicht zu fassen kriegt. Er versucht, sie loszuwerden, indem er sie an Kinder aus seinem Wohnhaus verschenkt.

Aber die ganze triste Lebensumwelt dieses Junggesellen wird erst durch einen Einblick in seinen Arbeitsalltag in einer Fabrik vervollständigt. Nicht nur wachsen ihm die Aufgaben über den Kopf: er ist auch Angriffsziel von Spott und leidet unter seinen zwei minderjährigen Praktikanten. Sie sind eher hinderlich als produktiv und der ältere Junggeselle ist nicht fähig, sie in die Schranken zu weisen. Buch zu.

2. Szene
Ein Jugendzimmer. Hier und da ein paar Poster, bunt durcheinander gewürfelte Klamottenhaufen auf dem Boden, Papierstapel auf dem Schreibtisch und Literatur auf dem Nachtschrank. Kaffeegeruch. Man hört Musik. Eine aufgeklappte CD-Hülle liegt direkt neben dem Player, das abgegriffene Cover mit herausgestrichenen Eselsöhrchen daneben. Was man hört, ist kaum der allgemein kursierende Einheitsbrei: leicht schwingende Gitarrenmusik, tragender Rhythmus und eine sanfte, hohe, melodische Männerstimme. Sie singt Deutsch. Schlagerhaft. Aber dafür eben doch nicht platt genug…. Sie singt gutes Deutsch. Klingendes Deutsch. Poetisches Deutsch.

Nun statt Preisfrage ohne Gewinn gleich die Auflösung. Die erste Szene spiegelt die Lektüre von Franz Kafkas Erzählung „Blumfeld“, vor fast hundert Jahren verfasst und vielleicht für den ein oder anderen mittlerweile staubig zu lesen. Szene 2: Musik hören, moderne deutsche Popmusik. Doch jetzt: Kafka und Popmusik? Was zunächst als eine sich widersprechende Assoziation erscheinen mag, vereint tatsächlich eine der Hamburger Schule entsprungenen Band auf sich. Und dies nicht etwa sublim versteckt und nur zelluloidballhaft hinter dem Rücken hervorlugend, sondern direkt ins Gesicht lachend: Die Band heißt BLUMFELD! Wer sie nicht kennt, mag nun vermuten: „OK. Oberflächliche Verbindung. Der Name ist ja auch, so klingend und bildhaft wie er ist, passend für eine Band mit seichter Popmucke.“

Fast Weltweite Bandwurzeln in Bad Salzuflen
Doch weit gefehlt: tatsächlich gelten Blumfeld mit Jochen Diestelmeyer als zentraler Figur mit ihrer vielseitigen Musik, die die verschiedensten Stile einbindet (von Gitarrenpop über Post-Punk bis hin zu Indie-Rock), als Wunderkind der Hamburger Schule. Diese ist eine Bewegung, die Anfang der 1980er Jahre in Hamburg als eine deutschsprachige intellektuell politische Musikszene entstand. 1985 gründen Bernd Begemann und Michael Girke in Bad Salzuflen das Label Fast Weltweit, auf das Jochen Diestelmeyer zwei Jahre später durch einen Artikel in der SPEX aufmerksam wird. Er kontaktiert sie und mischt von nun an in der Gruppe mit, die ständig neue Bands und Projekte auf den Plan schreibt. Mit Mirko Breder und Thomas Wenzel bildet Diestelmeyer zunächst die Band Die Bienenjäger, mit der er verschiedene Demos aufnimmt. Vier dieser Songs erscheinen auf Fast-Weltweit-Kassettensamplern. Doch das Label bleibt erfolglos und die Mitglieder gehen schließlich ihren eigenen Projekten nach. Auch Jochen Diestelmeyer macht seine eigenen Schritte, die für die Physiognomie seiner späteren Band bedeutsam sein sollen: er schreibt viel, hört HipHop und beginnt zu entdecken: „Es ist ja doch möglich, heutzutage ein Zusammen von Musik und Sprache herzustellen.“

Blumfeld starten
Über die Kolossale Jugend, eine weitere Band der Hamburger Schule, lernt Diestelmeyer schließlich André Rattay und Eike Bohlken kennen, mit denen er im Frühjahr 1990 das Trio Blumfeld gründet. Nach der ersten Single „Ghetto-Welt“ im Jahr 1991 veröffentlichen Blumfeld 1992 ihr in der Indie-Presse gefeiertes Debütalbum „Ich-Maschine“. Zwei Jahre später folgt das Album „L’Etat Et Moi“, das erneut mit guten Kritiken gesegnet ist. Im Jahr 1996 verlässt der Bassist Eike Bohlen die Band, um sich seinem Philosophie-Studium widmen zu können. Ihm folgt der Sänger, Songwriter und Bassist der Band Kante, Peter Theissen und mit Michael Mühlhaus als Keyboarder bekommt Blumfeld 1998 weiteren Zuwachs. Diese Umbesetzung der Band markiert auch einen Wandel im Sound: vom Gitarrenfeedback bewegt sich die Gruppe hin zu einer poporientierten Musik. So überraschen Blumfeld im folgenden Jahr mit ihrem dritten Album „Old Nobody“, das von einen neuen und weicheren Sound und weniger verschachtelte Texte geprägt ist. Nach „Testament der Angst“(2001) erscheint 2003 das Album „Jenseits von Jedem“. Die Band ist mittlerweile nach dem Ausstieg von Peter Theissen, der sich nun ausschließlich auf seine Band Kante konzentrieren will, mit Vredeber Albrecht neu besetzt. Das letzte Blumfeld-Album „Verbotene Früchte“ erscheint 2006. Ein Jahr später trennt sich die Band, nachdem sie im Mai 2007 auf Abschiedstournee gegangen war.

Bleibender Ruhm durch Poesie
Doch damit verschwindeen Blumfeld nicht einfach so von der Bildfläche: nach ihrer Auflösung erscheint eine Reihe von Würdigungen, die allesamt Blumfelds herausragende Position unter den modernen deutschsprachigen Bands herausstellen. Ruhm, der bleibt. Ihre Texte sind gesellschaftskritisch, sie verurteilen den Konsum, geben politische Statements ab. Blumfeld liefern Lieder, denen angenehm leicht zuzuhören ist und die doch von den wichtigen Dingen des Lebens erzählen, die Schweres einfach erklären, in denen alles nebeneinander steht, Texttrauer umarmt von fröhlichen Melodien, lange und kurze Songs, harte und weiche, leichte und schwere. Und dabei ist das wahrscheinlich Bemerkenswerteste des Blumfeldkorpus noch das Lyrische ihrer Texte, die sie zu fliegenden Händlern der deutschen Sprache machen. Blumfeld sind „Diskursrocker“. Jochen Diestelmeyer hat sich immer wieder als äußerst talentierter Poet bewiesen. So kommen ihre weit reichenden Botschaften eben nicht in platten Statements zum Ausdruck, sondern schleichen sich auf poetischen Zehenspitzen an. „Nur Literatur macht sensibel für unsere Gefühle zu unserem Leben und wie wir uns darüber äußern; Sprache bildet unser Denken und unser fühlen ab“, sagt Jochen Diestelmeyer, der wahrscheinlich gerade aufgrund dieser seiner lyrischen Ader immer im Mittelpunkt Blumfelds stand. Schon sein Gesicht scheint ganz Gedicht zu sein, jungenhaft schelmisch und doch poetisch tief. Und vielleicht sogar gleichzeitig auch ein bisschen träumerisch weltentflogen. Wie die Musik. Und dieser Jochen Diestelmeyer erweist sich noch dazu als hervorstechender Literaturkenner, der Werke geliebter Schriftsteller und Lyriker in einer bunt gewürfelten Mischung immer wieder in seinen Texten aufgreift: Else Lasker-Schülers „Komm zu mir in der Nacht – wir schlafen engverschlungen“ taucht in „Tausend Tränen Tief“ auf, Paul Celan findet die ihm gebührende Würdigung „Von Dunkel zu Dunkel“ im Song „Eines Tages“ und seine Geliebte Ingeborg Bachmann ebenso im tausend Tränen Tiefen „Es könnte viel bedeuten“. Ein Einblick, drei Zitierte von einer ganzen Reihe. Diese vielfache Intertextualität ist ein weiterer Grund, der Blumfeld als Popband für den denkenden Menschen ausweist: Was für die einen pure „Verkopftheit“ ist, bezeichnen andere als Intellektualität. Und plötzlich passt Kafka. Kafkas Blumfeld-Erzählung kritisiert den Kapitalismus, die Gesellschaft. Themen der Band Blumfeld. Sie erzählt von Einsamkeit. Von (mangelnder) Liebe. Herz der Band Blumfeld. Aber nicht zuletzt ist sie ein ganz großes Stück Literatur. Und das sind Blumfelds Texte auch: Meisterwerke der Sprache. Blumfelds Musik darf man nicht nur hören! Man muss sie lesen!

Ilka Zänger


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