Gespeichert unter: Ausstellungskritik | Schlagworte: fast weltweit, hamburger schule, kulturgut haus nottbeck, stadt.land.pop
In einer Ecke steht ein Bücherständer mit Büchern und Schallplatten, Relikten aus den 60er bis 80er Jahren: Science Fiction Sammelbände vom Heyne Verlag, Jack Kerouac, Allen Ginsberg, die Ramones und andere Punk Bands. An der Wand alte Zeitungsartikel und Fotos. Im Hintergrund läuft ein Musikvideo. Es riecht ein wenig modrig. Diese nostalgisch anmutende Kulisse mag anfänglich wie die Beschreibung eines alten Jugendzimmers klingen, ist aber tatsächlich Teil der Ausstellung “Stadt.Land.Pop – Popmusik zwischen westfälischer Provinz und Hamburger Schule”, die am Donnerstag den 27.11.2008 im Kulturgut Haus Nottbeck eröffnet wurde. Zentraler Bestandteil sind Musik und Songtexte der Künstler Bernadette La Hengst, Bernd Begemann, Frank
Spilker und der Bands Die Sterne und Erdmöbel. Was diese Musiker vereint, ist nicht nur ihre Zugehörigkeit zur “Hamburger Schule” einer losen Musikbewegung, die sich durch ihr anspruchsvolles Songwriting einen Namen machte, sondern auch ihre gemeinsamen Wurzeln in Ostwestfalen. Haus Nottbeck widmet diesen Künstlern und ihrem schaffen eine eigene Ausstellung – mit nicht ganz verhohlenem lokalpatriotischen Stolz. Neben diesem regionalen Aspekt thematisiert Stadt.Land.Pop” auch die Verbindung zwischen Literatur und Popmusik.
Die Ausstellung beschränkt sich auf zwei Räume: An den Wänden des Hauptausstellungsraumes werden Bilder und ausgewählte Songpassagen der jeweiligen Musiker dargestellt, um dem Betrachter einen Eindruck über den literarisch-poetischen Anspruch der Musik zu vermitteln. Audio
-und Videoterminals bieten die Möglichkeit sich eingängiger mit Musik und den Musikern selbst zu beschäftigen. Sobald man diesen Raum verlässt, präsentiert sich einem ein radikaler Ästhetikwechsel. Das moderne Design weicht vergilbten Zeitungsauschnitten und Flyern in “Do-it-yourself” Optik. Vorbei an alten Kassettensamplern und einem Schrein für das alte Vierspur-Tonbandgerät des Tontechnikers Frank Werner, der an einem Großteil der frühen Aufnahmen der Künstler mitgearbeitet hat, führt der Weg in den oben beschriebenen Keller. Hier finden sich Exponate aus den Jugendjahren der Musiker und die ersten Gehversuche im Musik-Business mit dem eigenen Indie-Label “Fast Weltweit”.
Somit ist der Keller auch das Highlight der Ausstellung. Er spiegelt die Atmosphäre der Gründungsjahre sehr authentisch und durchaus liebenswert wieder, gewürzt mit einer Prise Nostalgie. Der große Ausstellungsraum kann zwar durch seine modern-poppige Gestaltung überzeugen, wirkt aber doch eher funktionell: Er veranschaulicht hauptsächlich den lyrischen Charakter der Songtexte. Dieser geringe Umfang ist die Hauptschwäche der Ausstellung. Gern hätte man noch ein wenig mehr erfahren, mehr atmosphärisch gestaltete Räume gesehen, die den musikalischen Werdegang der Künstler veranschaulicht hätten. Nichtsdestotrotz gelingt es der Ausstellung – trotz der geringen Größe- sehr gut, ihr Anliegen an den interessierten Besucher heranzutragen: Lyrik und Pop Musik geben ein besseres Paar ab, als es uns der usikalische Einheitsbrei glauben lässt, den wir so oft aus dem Radio zu hören bekommen. Insofern ist die Ausstellung jedem weiterzuempfehlen, der gerne einen atmosphärischen und visuellen Einblick in die Frühgeschichte des modernen ostwestfälischen Pop gewinnen möchte.
Ernst Neumann
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