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Spurlos verschwunden?

Die Wurzeln der sogenannten Hamburger Schule sollen in Ostwestfalen, genau gesagt in der Kleinstadt Bad Salzuflen liegen. Doch was bleibt von der Zeit vor Hamburg? Hat die erfolgreiche Musikbewegung dort ihre Spuren hinterlassen? Kristina Stog suchte nach einer Antwort.

Es regnet, als der Zug am Bad Salzuflener Bahnhof die Türen wieder schließt und mich am Bahnsteig zurück lässt. „Völker der Welt, seid ihr bereit – Bad Salzuflen weltweit“ tönt es durch die Kopfhörer in meinen Ohren und die gute Laune des Songs will so gar nicht zu der grauen und irgendwie recht tristen Kulisse passen, vor der ich jetzt stehe.
Ich bin auf Spurensuche, denn hier im ostwestfälischen Bad Salzuflen sollen die Wurzeln der sogenannten „Hamburger Schule“ liegen, die unter anderem von dem Musiker Bernd Begemann, der Stimme in meinem Ohr, geprägt wurde.
Die „Hamburger Schule“, eine Musikbewegung, die in den 80er Jahren in Hamburg entstand, öffnete damals ein völlig neues Kapitel deutschsprachiger Popmusik: Sie stand vor allem für kritisch- reflektierende, literarische Songtexte und brachte namhafte Künstler und Bands wie Blumfeld, Tocotronic, Die Sterne oder Bernadette LaHengst hervor. Heimat einiger dieser Künstler, wie z.B. Frank Spilker, Sänger von „Die Sterne“ oder eben Bernd Begemann, damals noch mit der Band „Die Antwort“, ist jedoch nicht die Millionenstadt an der Elbe , sondern die ostwestfälische Provinz, in der ich mich gerade befinde.

Die Suche nach den Wurzeln der Hamburger Schule beginnt, die Suche nach Spuren, nach Erinnerungen, nach Verbindungen. Die ersten Eindrücke werden in der Stadt gesammelt. „Sagt Ihnen der Begriff „Hamburger Schule“ etwas?“ möchte ich wissen. „Hamburger Schule? Nie gehört!“, so ein alteingesessener Einwohner „Und Bernd Begemann…oder Bernadette LaHengst?“ „Hengst…Keine Ahnung“ sagt ein anderer, schüttelt den Kopf. Die Suche geht weiter: Bei jungen Leuten, älteren Leuten, auf der Straße, bei der Zeitung, im Rathaus. Doch von Hamburger Schule keine Spur. Wen man auch fragt – die Musik scheint unbekannt, die dazugehörigen Namen auch. Große Ahnungslosigkeit in der kleinen Stadt. Dabei wurden einige der Bands der Hamburger Schule Mitte der 90er Jahre bundesweit bekannt und erfolgreich, wie zum Beispiel Tocotronic, und durch diesen Erfolg erlangten auch viele andere deutschsprachige Gitarrenbands eine höhere Popularität, auch wenn sie von ihrer Ästhetik nicht der Hamburger Schule zu zuordnen waren. Heute sucht man in Bad Salzuflen sogar vergebens nach CDs dieser Bands, die zumindest ein kleiner Hinweis auf die Hamburger Schule sein könnten. „Blumfeld…“, überlegt der Verkäufer in einer Musikabteilung, „machen wohl deutsche Musik.. sonst würden die ja nicht Blumfeld heißen. Und Die Sterne heißt das Album?“.
Ich bin überrascht von so wenig Lokalpatriotismus.

Es wird kalt in Bad Salzuflen und ich mache mich mit dem Bus auf den Weg aus der Stadt heraus, durch ein Stück Wald, in der Hoffnung gerade hier die heißeste Spur zu der Verbindung Ostwestfalen – Hamburger Schule zu verfolgen: Frank Werner von Fast Weltweit.

Das Label Fast Weltweit wurde 1985 von dem damaligen Studenten Frank Werner, gemeinsam mit Bernd Begemann und Michael Girke, damals Mitglied der Band „Jetzt!“, im Hinterzimmer einer kleinen Kneipe in Herford gegründet und zog dann nach Bad Salzuflen. Man veröffentlichte Singles und Kassettensampler. Mit dabei waren neben Frank Spilker und Bernadette LaHengst auch der heutige Kabarettist Achim Knorr, die „Time Twisters“, sowie Jochen Distelmeyer von Blumfeld, damals noch unter dem Namen „Bienenjäger“.
Das Label gibt es heute nicht mehr; die „Weltweits“ sind in Hamburg. Außer Frank Werner. Gerne denkt er an die für ihn sehr wichtige, spannende und herausfordernde Zeit zurück. „Fast Weltweit war ein kleines Netzwerk und viel hat einfach im Privaten in Wohnungen stattgefunden und man hat sich gegenseitig besucht, sich Songs vorgespielt, diskutiert und dann Dinge unternommen“. Auch heute hat er noch Kontakt mit den verschiedenen Künstlern, zum Beispiel mit Frank Spilker, den er traf, als dieser vor ein paar Wochen zu Besuch bei seinen Eltern in Bad Salzuflen war. „Mit Bernd habe ich vor ein paar Tagen gemailt. Die anderen sehe ich auch in größeren Abständen. Zu Jochen hatte ich sehr lange keinen Kontakt mehr, habe aber vor ein paar Tagen mit ihm telefoniert.“

Plötzlich ist man ganz nah dran an der Hamburger Schule, durch das, was Frank Werner aus der Zeit von Fast Weltweit erzählt – und er scheint es gerne zu erzählen.
Ob es außer Fast Weltweit noch Spuren der Hamburger Schule in Bad Salzuflen gibt, möchte ich wissen. „Die besagte Schule ist vielleicht dort zu finden wo heute noch Konzerte stattfinden; definitiv nicht in Salzuflen“ bestätigt er den Eindruck, den auch ich in dieser Stadt gewonnen habe. Es würden zu Stadtfesten eher Top-Forty Cover Bands von bundesweit agierenden Agenturen gebucht, „die den Kleinbürgern zu Bockwurst und Glühwein ACDC oder Schlagerfeeling vermitteln“. Kleine regionale Bands hätten hier keine Chance; das Jugendzentrum sei an die Stadtgrenze in ein Industriegebiet verlagert worden.
Eine Verbindung zwischen Ostwestfalen und Hamburg sieht er in den Eltern der Künstler, die noch in Bad Salzuflen, sowie in Herford und Bielefeld leben.

Es geht zurück zum Bahnhof, und die Spurensuche endet, wo sie angefangen an.
Es gibt sie doch, die Spuren der Hamburger Schule in Bad Salzuflen, aber es sind wohl, wie auch Frank Werner meint, „mehr die Menschen und ihre wechselseitigen Beziehungen“, die diese ausmachen. Und auch wenn Bernd Begemann in „Bad Salzuflen weltweit“ mit so viel Humor und Verbundenheit über seine Heimat singt, ist die Hamburger Schule doch wohl eher da zu finden, wo sie hingehört – in Hamburg.

Kristina Stog


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