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Das neue Album «Sylt» von Kettcar
Zwei Jahre nach dem Album «Von Spatzen und Tauben, Dächern und Händen» kommt das neue, schlicht «Sylt» genannt, auf den Markt. Problem: Kettcar sind Kettcar sind Kettcar. Schluss mit dem Gerede von Liebe. Kettcar machen ernst. Oder besser Kettcar machen erwachsen.
Natürlich hätten sie weiter über Liebe und Neid singen können. Doch «Romantik und Gemütlichkeit kriegen hier die Tür vor die Nase», erklärt die Band selbst, wohl wissend, dass diesbezüglich das Vorgängeralbum ohnehin nicht zu toppen gewesen wäre. So viel Lob gab es damals, von Fans und Presse gleichermaßen. Überschwänglich wurden Kettcar gefeiert, eine hohe Charts-Platzierung gab es dazu.
Auch die musikalischen Karten wurden neu gemischt. «Sylt» hat so gar nichts heimelig Wohltuendes, das Album schlägt Krach, es schmerzt, es drängt. Strukturen werden überworfen, Kontrapunkte platziert und immer wieder Zeichen gesetzt. Und trotzdem ist es mitreißend, tanzbar und leidenschaftlich.
Der Blick schweift vom Inneren zu den Alltagsgeschichten. Nur nicht nach außen, denn es gibt «Kein Außen mehr» und Distinktion funktioniert schon lange nicht. Wo mal hell und dunkel, schwarz und weiß waren, gibt es heute nur noch rohes atmosphärengrau. Die Gitarren rauschen etwas mehr, der Gesang droht manchmal in Nuscheleien unterzugehen. Ziemlich hart für selbsterklärte Gitarrenpopper. Gleich zu Beginn der knapp 44 Minuten sabotiert die Band mit der ersten Single «Graceland» prominente Mythen, zweifelhafte Begegnungen und sich selbst gleich mit. Statt Ich und Du spricht nun das wütende Wir, das gnadenlos schildert, was schief läuft. Früher war nicht alles besser, aber es fiel leichter, mit dem Finger auf andere zu zeigen.
Auch wenn das Lied gute Laune verbreitet, berührt der Text eher durch Sachlichkeit. Ernüchterung setzt auch schon bei einem Bierchen «Am Tisch» ein. Das Finale einer Freundschaft, bei dem Niels Frevert und Ich-Erzähler Wiebusch aneinander vorbei, aber dem anderen letztmalig ins Gewissen reden. Dieser unerwartete wie bereichernde Auftritte verleiht dem Lied eine bedrückende Tragik.
In zwölf Geschichten, die vor Projektionsflächen nur so strotzen, die das Scheitern kompromisslos und bis über die Schmerzgrenze hinaus beschreiben («Würde», «Verraten») oder prophezeien («Geringfügig, Befristet, Raus»), arbeiten sich die Hamburger an der Wirklichkeit ab. Und noch ehe die Nordsee der Insel das letzte Stückchen Land raubt, legen Kettcar «Sylt» in Schutt und Asche. Mit ihr verschwinden all die Träume, all die Lügen und all die Intrigen.
Und mit «Wir Werden Nie Enttäuscht Werden » läuten Wiebusch und Co. die Trostrunde ein. Die Sprengkraft des Liedes erinnert enorm an das ähnlich positionierte Tocotronischen «Explosionen». Aber hier geht am nächsten Tag die Sonne auch wieder über Sylt auf und bringt neue Träume, neue Lügen und neue Intrigen. Willkommen in der Realität.
«Sylt» ist eine gute Platte, eine sehr gute sogar. Mit den Kettcar-typischen eingängigen Pop-Melodien, mit weisen Texten. Sofern man sie denn versteht, manchmal wirkt es doch allzu sehr dahingenuschelt. Aber es ist nicht anzunehmen, dass ihr der gleiche Erfolg beschieden sein wird wie dem Vorgänger-Album, das weit weniger anstrengend, weit weniger klagend und vor allem zielgruppenaffiner war. «Sylt» ist eine realistische und daher mitunter düstere Chronik.
Anne Kristin Fuest
Kettcar, das sind:
Marcus Wiebusch – Gesang & Gitarre
Lars Wiebusch – Tasten & Gesang
Reimer Bustorff – Bass & Gesang
Erik Langer – Gitarre & Gesang
Frank Tirado Rosales – Schlagzeug
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Hamburger Indie-Band Tomte sorgt für Nachschub
Lange mussten die Tomte Fans auf ein neues Lebenszeichen ihrer Lieblingsband warten. Doch jetzt ist es soweit: „Heureka“ – Das mittlerweile fünfte Album der Hamburger Band steht seit dem 10.10.2008 in den Regalen. 12 neue Songs warten darauf, gehört zu werden.
„Wie wundervoll einfach gestrickt und vermisst das, was einen jeden Tag umgibt“, heißt es im Titeltrack „Heureka“. Einfach gestrickt, das sind Tomtes Songs bei Weitem nicht. Die einfühlsamen Texte werden nun auch klangvoll durch das Piano unterstrichen.
Heureka, eine CD, die beim Hören von mal zu mal besser wird und vermutlich nicht nur den eingefleischten Fans sicher gefallen wird.
Von Wichtelmännern zu Popgrößen
Knapp 20 Jahre ist es nun her, dass sich Frontmann Thees Uhlmann mit Christian Stemmann zur Band „Warpigs“ zusammenschloss. Schnell benannten sie sich in „Tomte Tummetott“, nach Astrid Lindgrens kleinem Wichtelmann im gleichnamigen Werk, um. Nach einigen Neubesetzungen und dem Verzicht auf den Anhang „Tummetott“ kam die Band auf Erfolgskurs. Einzig und allein Mitbegründer Thees Uhlmann spielt noch heute in der Band, und mit ihm blieb auch Tomte seiner Musik treu – einer Mischung aus deutschsprachigem Pop, Rock und Indie, womit sie sich durchaus zu der neuen Generation der Hamburger Schule zählen können. Einflüsse von „Tocotronic“, „Oasis“ und „The Smiths“ brachten Tomte zu ihrer Musik. Ohne ihren Stil zu verlieren, entwickelt die Band sich stets weiter. Unabhängig von den großen Plattenfirmen machen sie die Musik, die ihnen gefällt.
Eigenes Label – Eigener Stil
Um diese Freiheit genießen zu können, schlossen sich Uhlmann und die beiden Kettcar Mitglieder Reimer Bustorff und Marcus Wiebusch zusammen und gründeten ihr eigenes Label: Grand Hotel van Cleef.
Uhlmann hat trotz der vielen Jahre im Musikgeschäft noch sichtlich Freude an seiner Arbeit. „Einfach sich mit Tobi Kuhn im Studio auszutoben und vor allem Texte zu schreiben, was mir einen unheimlichen Spaß bringt. Das alles sind Gefühle, die die Platte zur Zeit überstrahlt.“
Die Platte strahlt nicht nur auf dem Cover, sondern startet gleich zu Beginn mit dem ausdrucksstarken Titeltrack „Heureka“ richtig durch- einem zum Mitsingen auffordernden Ohrwurm. Somit wird das Album durch die beiden vermutlich besten Stücke auf der ganzen Platte eingerahmt. Mit „Dein Herz sei wild“, einem kraftvollen und dynamischen Song, wird das komplette Werk gekonnt abgerundet.
Leider fehlt dem Mittelteil, trotz bewegender Texte, das gewisse Etwas. Neulingen in Sachen Tomte wird die Musik entweder sofort oder gar nicht gefallen. Die sehr ruhigen, oftmals melancholisch wirkenden Lieder, sowie Uhlmanns monotone Stimme sind vielleicht nicht Jedermanns Sache. Aber genau das ist es wiederum, was Tomte ausmacht. Kein explosiver Rock, sondern pathetische, ergreifende Stücke voller Individualität.
Mittlerweile lebt die Band der Hamburger Schule in Berlin. Dass sie ihre Heimat jedoch nicht vergessen haben und mit einem nostalgischen Auge betrachten, wird im Song „Wie siehts aus in Hamburg“ deutlich.
„Wie siehts aus in Hamburg?
Ein neues Viertel an einem Tag.
Wer ist pleite, wer ist fertig
und wer hat es ans Ufer geschafft?“
Ob sie jemals wieder nach Hamburg zurückkehren, bleibt ungewiss. Aber mit Sicherheit kann man sagen, dass wir noch viel von dieser Band hören werden. Deutschlandweit.
Dominik Linke