Gespeichert unter: Interview | Schlagworte: Interview, universität paderborn, walter gödden
Der Literaturwissenschaftler Walter Gödden im Gespräch über die aktuelle Ausstellung Stadt.Land.Pop und das Arbeiten zwischen Lyrik und Lyrics.
Prof. Dr. Walter Gödden ist Geschäftsführer der Literaturkommission für Westfalen, Honorarprofessor an der Universität Paderborn und Leiter des Museums für Westfälische Literatur auf dem Kulturgut Haus Nottbeck. Als Mitarbeiter der Kommission realisierte er in den vergangenen Jahren ein großes Online-Portal zur westfälischen Literatur sowie editorische und lexikalische Großprojekte. Er initiierte darüber hinaus die Beschäftigung mit eher abseitigen Themen wie der Trivialliteratur aus Westfalen und literarischen Kabaretts.
Interview vom 20.11.2008
Schäfer: Wie ist die Idee zu dem Projekt entstanden? Gab es einen konkreten Anlass, ein Schlüsselereignis?
Gödden: Ja, die Idee ist irgendwann mal aufgekommen. Man hat ja immer die Antennen auf online gestellt und überlegt sich Themen. Und wenn man das Glück hat, über ein Literaturmuseum zu verfügen, denkt man auch eher an Austellungen. Und in dem Zusammenhang ist das über Jahre gewachsen. Da ich auch selbst eine Affinität zur Musik habe, habe ich irgendwann erfahren, dass sehr viele Musiker oder auch bekannte Gruppen hier aus der Gegend sind. Dann wächst das im Kopf, man baut Kontakte zu den Künstlern auf, recherchiert und irgendwann kommt dann der Zeitpunkt, wo man sagt jetzt haben wir vielleicht auch das Geld für das Projekt oder wir haben die Förderer. Dann beginnt man mit der inhaltlichen Arbeit und so war es bei diesem Projekt eigentlich auch. Also man hat viele Ideen im Hinterkopf und entscheidet sich dann irgendwann, so ein Projekt zu machen, findet Partner und das hat ja auch ganz gut funktioniert.
Schäfer: Dem Projekt scheinen ja zwei Ideen zu Grunde zu liegen. Zum einen der örtliche Bezug und zum anderen die Verbindung zwischen Popliteratur und Popmusik. Gibt es denn nun einen vordergründigen Aspekt? Den Ortsbezug oder die inhaltliche Verbindung zwischen den Bands: Stichwort Hamburger Schule?
Gödden: Das Regionale spielte schon von Anfang an eine Rolle. Wir als Macher des Projekts, also die Literaturkommission für Westfalen … unser Aufgabengebiet ist eben auch die regionale Literatur. Und das ist eine Facette, die bisher vernachlässigt wurde. Spannend war es wirklich, mit den Künstlern zu reden, sie über ihre Vergangenheit, ihre Wurzeln und eben auch die Texte zu befragen. Wenn man sich diese vielen Songtexte anguckt, stellt man fest, dass das Verhältnis zur Region, Heimatstadt und auch zu den Eltern eine große Rolle spielt. Und eben dies haben wir in den Mittelpunkt gestellt, weil wir das für interessant halten. Also die Herrschaften, die irgendwann mal aus Bad Salzuflen nach Hamburg oder nach Berlin gehen und mit einem gewissen Abstand auf diese frühere Zeit zurückblicken. Das hat sicherlich verschiedene interessante Aspekte. Das hat jetzt nichts mit Westfalen-Verherrlichung zu tun. Es ist einfach diese Opposition Stadt-Land, die interessant ist.
Jäger: In dieser Ausstellung werden vorwiegend die Texte musikalischer Künstler behandelt. Warum nicht auch die Werke von Popliteraten?
Gödden: Also wir mussten das wirklich begrenzen. Wir haben uns jetzt auf einige Musiker beschränkt und zwar auf die, die aus dem Fast Weltweit-Umfeld kamen. Also diese Bad Salzufler Leute, die ja komischerweise alle in diesem Nest groß geworden sind, sehr früh Anfang Zwanzig ein eigenes Label gegründet haben und dann in die größeren Städte gingen, aber eigentlich den Gedanken dieses Kollektivs Fast Weltweit mitgenommen und in ihre Musik hineingetragen haben. Auf diesen Kern haben wir uns konzentriert. Zudem haben wir aber noch die Gruppe Erdmöbel dazugenommen. Aus ganz profanen Gründen, da wir Fördergelder von der Aktion Münsterland bekommen haben und Ostwestfalen nicht das Münsterland ist. Also haben wir eine Gruppe aus dem Münsterland hinzugenommen, die natürlich mit dem Münsterland so gut wie nichts zu tun hat, außer dass die Protagonisten aus Ostbewern, Telgte und Münster stammen, heute aber nicht mehr in Westfalen leben, sondern in Köln ein eigenes Studio betreiben und eigentlich außerhalb Westfalens viel bekannter sind, als in der Region aus der sie stammen. Zudem hat die Musik von Erdmöbel aber auch hohe textliche Qualität und das Poetische steht sehr im Vordergrund. Insofern haben wir da auch Qualitäten festgestellt, die bei den anderen vielleicht nicht so stark im Vordergrund stehen.
Schäfer: Gibt es einen Grund, dass es ausgerechnet im Umfeld von Bad Salzuflen plötzlich eine hohe Dichte von Musikern gibt, die sich inhaltlich ähnlich positionieren?
Gödden: Das hat sicherlich mit Zufall zu tun. Damit, dass zur selben Zeit interessante Leute dasselbe machen wollen und sich dann im Forum Enger treffen, wo dieser Independent-Gedanke dann aufkommen kann. Das hing ganz maßgeblich damit zusammen, dass ein Tontechniker aus Bad Salzuflen sehr früh ein Tonstudio dort aufgebaut hat und den Herrschaften die Möglichkeit gab, dort zu produzieren. Aber grundsätzlich kann man sagen: die Provinz ist so gnadenlos in ihrer Beengtheit und Engstirnigkeit. Die Leute mussten einfach kreativ werden, mussten aus dem Dunstkreis dieser Provinz raus und das reflektieren sie auch in ihren Texten. Die Musik war da eben ein geeignetes Ausdrucksmittel. Die Stärke der Provinz ist im Grunde, dass man sie verlässt und produktiv wird. Wenn man jetzt in Hamburg oder in Köln oder wo auch immer groß wird, hat man ein riesiges Angebot. Man kann überall hin, man muss nicht selbst kreativ werden. Und auf so ‘nem Kaff … ich weiß nicht … der Drang selbst produktiv zu werden war vielleicht besonders ausgeprägt, weil es eben so ein kleinkarierter Ort war.
Das 1974 von Studenten gegründete Forum Enger war ein Musikclub in der Nähe von Bielefeld. In den 80er und 90er Jahren erlangte es durch Auftritte von u.a. Nirvana, den Toten Hosen und Soundgarden einen Bekanntheitsgrad, der weit über die Grenzen der Provinz hinausreichte. Die Zeitschrift Spex wählte das Forum Enger 1989 zum besten Musikclub Deutschlands.
Jäger: Wie machen Sie denn den Besuchern ihrer Austellung die Ergebnisse ihrer Untersuchungen zugänglich?
Gödden: Ja, das ist auch eine Frage des Designs. Das Ganze muss ja eine Optik bekommen. Es ist ja nicht so, dass wir da nur Texte hinlegen können, sondern es muss plakativ sein. Wir sind von diesem 30×30-Format ausgegangen. Die Größe einer Schallplattenhülle, das ist die Identität des Projektes. An den Wänden des Museums finden Sie Bilder der Musiker, Texte, Sie finden Informationen, aber Sie haben auch die Möglichkeit, sich viele Sachen anzuhören und Videos amzuschauen. Sie können auch die Videos ansehen, die die Musiker außerhalb dieses Projektes gemacht haben, beispielsweise von Erdmöbel, Bernadette La Hengst und Blumfeld. Und es liegen Textbücher aus. Also wir bieten ein reichhaltiges Angebot an Informationsquellen aber auch an Audiovisuellen Quellen. Wir haben einen großen Ausstellungsraum und zwei kleinere im Kellerbereich und da findet man dann auch die Geschichte von Fast Weltweit. Die haben ja mit Anfang Zwanzig alles selbst gemacht. Ihr eigenes Artwork, Plattencover, Pressetexte. Alles Do It Yourself. Und diese Dinge konnten wir dann in Archiven bei den Musikern selbst wiederfinden. Da haben wir auch reichhaltigst recherchiert.
Schäfer: Das Ganze ist ja begleitet von und quasi auch entstanden in einem wissenschaftlichen Umfeld. Der Gegenstand ist ja wahrscheinlich zunächst die inhaltliche Verbindung also auch zur Popliteratur: zwischen Lyrik und Lyrics. Gibt es denn, da Sie mit Videoclips, Audioinstallationen und Konzerten arbeiten, auch wissenschaftliche Begleitung aus anderen Disziplinen, die sich etwa mit den Bildern oder der Musik auseinandersetzen?
Gödden: Also die Popkultur bietet ja eigentlich alles. Da verschmilzt das alles. Ich sag mal die Videos, die Erdmöbel gemacht haben sind auch Literatur. Das hat mit der Schnitttechnik zu tun. Im Prinzip wird in der Popkultur alles eins. Und so ist es auch mit diesem Projekt. Wir sind vom Text ausgegangen, haben aber sehr schnell natürlich auch die anderen Medien mit hinzugezogen. Es ist ja auch so, dass Bernadette selbst Kurzgeschichten schreibt. Sie spielt Theater, schreibt Hörspiele. Frank Spilker schreibt Texte. Blumfeld hat sich nach Kafka benannt. Die Texte sind voller literarischer Anspielungen. Auch das spielt eine Rolle. Was wir machen wollten, war eigentlich, das aufzubrechen. Dass man nicht nur von den Texten ausgeht, sondern in den gesamten Horizont einbettet, den diese Popwelt eben bietet.
Jäger: Wie haben die Künstler reagiert, als sie von Ihnen angesprochen wurden?
Gödden: Musealisierung ist für die ja eigentlich noch gar kein Thema. Die stehen voll im Popleben, obwohl sie mittlerweile auch zum Teil über Vierzig sind. Aber wir hatten auch mit höheren Hemmschwellen gerechnet. Jochen Distelmeyer von Blumfeld hat sich ganz vehement gegen das Projekt gestellt. Für ihn ist Musealisierung kein Thema.
Jäger: Heißt das, dass von Blumfeld nichts ausgestellt werden darf?
Gödden: Ja, also die Plattencover, das darf man. Es werden auch Textpassagen zitiert. Aber es war so: Das Fast Weltweit-Label hat ein Promo-Video gemacht. Darin ist auch ein Auftritt Distelmeyers in jungen Jahren zu sehen. Das durfte nicht gezeigt werden. Ich hatte aus einem Interview mit Jochen Distelmeyer aus dem Jahre 1988 zitiert. Das war schon im Katalog, war schon alles gesetzt. Das musste rausgenommen werden. Dies sind dann die weniger schönen Seiten. Überhaupt wird das völlig unterschätzt, welcher unglaubliche Aufwand betrieben werden musste, um überhaupt auf so einer DVD Musik abspielen zu können. Das hat auch ziemlich viel Geld gekostet. Um an eine Minute Musik heranzukommen, muss man endlos telefonieren. Man darf keinen Fehler machen, sonst ist man sehr schnell regresspflichtig. Das sind so Erfahrungen, die man erst machen musste. Der Musikmarkt funktioniert nun mal völlig anders als der Buchmarkt. Alle anderen haben aber mitgemacht und haben sich glaube ich ganz gern nochmal mit ihrer eigenen Vergangenheit auseinandergesetzt. Viele haben ja auch hervorragende Texte geschrieben, die im Ausstellungskatalog abgedruckt wurden. Also sehr lange Texte, in denen sie nochmal aus heutiger Sicht ihre Vergangenheit reflektieren. Es war doch eine große Bereitschaft da. Natürlich muss man die Künstler aufsuchen. Wir waren in Berlin, in Hamburg, in Herford und haben offensichtlich Vertrauen gewinnen können. Also über Fast Weltweit haben schon Studierende der Uni Köln was machen wollen – ein anderes Projekt – das ist alles gescheitert und wir sind jetzt wirklich die Ersten, die das jetzt nochmal richtig aufgearbeitet haben. Man kann vielleicht die Vorbehalte auch verstehen. Die Künstler engagieren sich, opfern ihre Zeit und dann wird nichts draus. Das ist natürlich ärgerlich. Aber in unserem Fall haben wir glaube ich das Vertrauen gewinnen können. Das ist dann sehr sympathisch und freundschaftlich weitergegangen. Für mich war das eine riesige Bereicherung. Mittlerweile hat mich Frank Spilker von den Sternen mit seiner Familie in Nottbeck besucht. Das waren wirklich schöne Stunden und das wird auch so weitergehen. Also, wir wollen sicherlich auch im Literaturmuseum Nottbeck weiterhin Konzerte machen und die Kontakte aufrecht erhalten.
Jäger/ Schäfer: Vielen Dank Herr Gödden für dieses Gespräch.
Das Interview führten Stefanie Jäger und Benjamin Schäfer.
Gespeichert unter: Interview | Schlagworte: bernd begemann, fast weltweit, markus wiebusch, michael girke, thees uhlmann, tomte
Anlässlich einer Ausstellung namens ‘Stadt.Land.Pop. – Popmusik zwischen westfälischer Provinz und Hamburger Schule’, die insbesondere den literarischen Wert von Musik in den Mittelpunkt rückt, sich aber in erster Linie auf den Beginn der „Hamburger Schule“ bezieht, sprach Reporterin für das Seminar ‘Kulturjournalismus’ der Universität Paderborn, Lisa Werdermann, mit einem der Erben dieser Musikrichtung: Thees Uhlmann, Tomte, Hamburger Schule 2te Generation. Nicht direkt involviert sein hat den Vorteil, den Überblick zu behalten und Aspekte zu erkennen, die die Beteiligten leicht übersehen. Umso aufschlussreicher kann ein Gespräch mit Thees Uhlmann sein. Inwieweit „Hamburger Schule“ ihn selbst beeinflusst hat, ob Musik überhaupt Literatur sein kann und was an Straßennamen besser als an musealen Expositionen ist, führte er umfangreichst aus…
Lisa: Wie würdest du “Hamburger Schule” definieren beziehungsweise was bedeutet “Hamburger Schule” für dich?
Thees: Ich würde “Hamburger Schule” als Musikszene zwischen 1988 bis vielleicht 1996, wo wirklich bahnbrechende Platten rausgekommen sind, definieren. Diese Platten haben zum ersten Mal, auf eine extrem gute Art und Weise, Pop/ Rock und deutsche Texte miteinander verbunden, wie es das so vorher noch nicht gegeben hat. Ja.
Lisa: Ich wollte vor allem auch mit dir sprechen, da Tomte zwar nicht wirklich mehr zur “Hamburger Schule” zu zählen ist, trotzdem aber schon noch damit verbunden wird. Ich glaube du hast den nötigen Abstand, um mir da als Experte zur Seite zu stehen. Wo würdest du demnach Parallelen zwischen dir und der “Hamburger Schule” sehen?
Thees: Genau! Das war halt das, was mich wahnsinnig inspiriert hat, als ich so 20/ 18/ 20/ 22 war. Wo die Leute gesagt haben, sie würden gute Musik machen, indem sie sich auch Mühe bei den Texten gäben. Versuchen würden, Texte zu schreiben, bei denen es etwas hinter dem Horizont gäbe. In die man sich quasi einfühlen kann. Texte, die einen gewissen Anspruch haben. Das hat mich wirklich inspiriert, ehrlich gesagt. Das war eine Musik, die mir wahnsinnig gut gefallen hat. Amerikanisch geprägtes Gitarrengeschrammel, sozusagen. Das war einfach der Shit für eine bestimmte Zeit. Das hat Sachen, die vorher durch die Sachen gegeistert sind, ad absurdum geführt. Zu einer bestimmten Zeit waren zum Beispiel ‘Ostzonensuppenwürfelmachenkrebs’ einfach eine der besten deutschen Bands, auch wenn sie nie Erfolg gehabt haben. So war das zumindest für mich. Die habe ich sehr lange gehört.
Lisa: Als wir uns im Seminar mit „Hamburger Schule“ beschäftigten, erschien es uns auf den ersten Blick paradox, dass die Künstler aus Ostwestfalen stammen.
Thees: Paradox, von daher, dass?
Lisa: Dass es „Hamburger Schule“ genannt wird, aber ursprünglich gar nicht aus Hamburg kommt. Das hat unter anderem auch diese Ausstellung in Oelde zum Anlass genommen, sich näher mit den Künstlern und deren Werken auseinander zu setzen. Du selbst bist auch in einem kleinen Ort groß geworden, hast, genauso wie Michael Girke und Bernd Begemann, ein Label gegründet und bist nach Hamburg gezogen. Inzwischen hast du Bernd Begemann unter Vertrag, wie ist es dazu gekommen? Wusstest du um seine „Bedeutung“ im Bezug auf die „Hamburger Schule“?
Thees: Bernd Begemann ist eine der schillerndsten Personen, die ich je kennen gelernt habe. Ich kenne in meinem Leben vielleicht drei Leute, die wirklich wahnsinnig gut entertainen können. Man kann sich neben die stellen und muss, oder kann, gar nichts sagen, weil sie so präsent sind und reden. Mit einem unglaublichen Wissen an Entertainment und Stories und an schlauen Gedanken, dass es einfach nur beeindruckend für mich war, ihn kennen zu lernen. Das war dann halt schon so Hamburger Musikerclique, Markus Wiebusch, der von Kettcar, kannte ihn zuerst und ich bin dann da quasi reingerutscht. Was mir sehr zu pass kam, war, dass ich es liebe, Ballerspiele zu spielen und Bernd Begemann es genauso liebt. Darüber haben wir dann, ehrlich gesagt, angefangen, uns ein bisschen anzufreunden.
Lisa: Bernd Begemann wird übrigens im Zuge der Ausstellung dort auch auftreten.
Thees: Oh super! Aber ist Bernd Begemann denn „Hamburger Schule“?
Lisa: Laut Definition ja. Er kam aus Bad Salzuflen, ging als Erster nach Hamburg und mit dem Label ‘Fast Weltweit’ gilt er unter anderem als Mitbegründer der „Hamburger Schule“.
Thees: Ja stimmt, von daher hast du natürlich Recht. (lacht) Das soll sich jetzt nicht despektierlich klingen, aber ich finde es natürlich drollig, dass der Landstrich, von wo die Leute herkommen, und so wie ich es mir vorstelle, waren das Außenseiter oder die komischen Leute auf dem Schulhof, plötzlich ein Aushängeschild sind. Zum Beispiel die Punkband ‘Muff Potter’; Nagel ist wohl der berühmteste Mensch aus Rheine, das muss man sich mal reinziehen! Das erscheint so absurd. Dass es halt Menschen sind, die im schlechtesten Fall auch ausgelacht wurden und dass, wenn dann Zeit ins Land zieht, dieses klassische „Ja geil ey! Wir kennen uns doch noch von früher!“ auftaucht. Dabei „kennen wir uns von früher wohl nur deshalb, weil du mich auf dem Schulhof mal zusammengeschlagen hast“. Das finde ich halt drollig und eine schöne Form von Respekt, wenn sich Leute um so etwas kümmern und eine Ausstellung auf die Beine stellen. Dem haftet dann aber auch immer dieser gesellschaftliche Irrglaube an, dass Ausstellungen erst über Leute gemacht werden, wenn sie tot sind. Aber vielleicht sollte man das nicht so schwer sehen. Ich finde es immer gut, wenn Künstler eine Würdigung erfahren. Wie gesagt, jemanden wie Bernd Begemann finde ich viel wichtiger als er eigentlich wahrgenommen wird.
Lisa: Könntest du dir denn vorstellen, dass deine Arbeit so oder so ähnlich mal gewürdigt wird? Bevor du stirbst, versteht sich.
Thees: Ich will einen Straßennamen in Hemmor haben!
Lisa: Wenn du meinst. Das ist ja fast noch bescheiden für deine Verhältnisse.
Thees: Thees-Uhlmann-Platz!
Lisa: Dann melde dich beizeiten beim Bürgermeister! Um noch einmal auf die Ausstellung zu kommen: Die Exponate, die gezeigt werden, sind neben Covern und Pressematerialien auch die Songtexte, da besonders großes Augenmerk auf den literarischen Aspekt der „Hamburger Schule“ gelegt wird. Nun habe ich allerdings gehört, dass du keine Bücher liest, höchstens mal die Zeitung. Inwiefern betrachtest du Musik als Literatur?
Thees: Schon richtig. Also, Musik ist ja Musik, sonst würde es ja Literatur heißen. Die Frage ist, was man mit den Texten macht. Will man die Texte losgelöst vom musikalischen Werk sehen? Bei Tomte ist mir das schon wichtig, dass die Texte als stringent gesehen werden, gut Tomte ist nicht besonders stringent, aber dass die Texte auch alleine stehen könnten. Ich könnte dir so viel zu Tomte Texten erzählen, dass sie andere Gedichte, die gut oder schlecht oder scheißegal sind, in den Schatten stellen. Vielleicht kann man Tomte Texte auch nicht so sehen, dass sie als Gedichte allein durchgehen würden. Ich lege aber schon großen Wert auf Metrik oder den Klang der Wörter. Von daher sage ich einfach über meine Texte, sie seien Lyrik. Das ist auch eine bewusste Entscheidung, da ich Lyrik mag und mich auch abgrenzen will gegen Leute, die sagen „Jaja, das ist nur son Text und hat nichts mit mir zu tun“, weil es ganz klar mehr ist, als nur das.
Lisa: Man muss ja auch nicht so in Schubladen denken.
Thees: Dankeschön! Das ist genau das, was ich meine.
Lisa: Gerne, das wollte ich ja auch hören. Wo würdest du die Zukunft der „Hamburger Schule“ sehen? In Ausstellungen wie in Oelde oder doch bei jungen Bands, die sie sich zum Vorbild nehmen?
Thees: Da könntest du genauso gut fragen, wo die Zukunft des Drum’n'Bass liegt. Es gab mal eine Zeit, wo alle Leute gesagt haben Drum’n'Bass wäre die Zukunft der Musik, das gäbe es ewig. Und das gibt es wahrscheinlich immer noch, nur kaum merkbar. Die kulturelle Relevanz ist hierbei wichtig. Irgendwann wird es wieder 16-jährige geben, die sich das erste Album von Blumenfeld anhören werden. Das machen ja schließlich immer noch viele. Und die werden dann so weggeblasen davon sein, dass sie sich ihren Teil davon abschneiden werden. Musik oder Kultur stirbt ja nicht. Sie verändert nur ihre Relevanz. Es kommt mir inzwischen wirklich so vor, als ob „Hamburger Schule“ ein Begriff ist, der musikhistorisch betrachtet wird und werden kann. Ich glaube einfach, dass gute Musik ewig überleben wird und zweifelsohne sind damals Platten rausgekommen, die bahnbrechend waren. Zumindest für solche Dorftrottel wie mich.
Lisa: Schönes Schlusswort. Vielen Dank, dass du dir Zeit genommen hast!
Thees: Aber gerne, bis bald!
Lisa Werdermann