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Hamburgs „Goldenes Zeitalter“
9. Januar 2009, 16:40
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Vom Aufstieg und Fall des Hamburger Labels L’Age D‘Or


Letztes Jahr ist es passiert: L’Age D’Or steht kurz vor dem Bankrott. Ein Schicksal das schon viele Indielabels erfasste und noch erfassen wird. Doch mit L’Age D’Or hat es nun ein Label getroffen, dass als Knotenpunkt der „Hamburger Schule“ ein ganzes Genre prägte, wie es nur selten geschieht.

Es ist 1986, als sich Carol von Rautenkranz und Pascal Fuhlbrügge dazu entschließen, mit der Konzertagentur L’Age D’Or Abwechslung in den noch immer von NdW-Bands geprägten Konzertalltag Hamburgs zu bringen. Ihnen ist bewusst, wie viel Potential in den Garagen der Stadt brachliegt, da sich einfach kein Konzertveranstalter traut diesen Bands eine Plattform zu bieten. „Ursprünglich war es so, dass Pascal und ich Konzerte in Hamburg gemacht haben. Wir haben dreimonatlich Festivals für 300 bis 400 Zuschauer veranstaltet mit jeweils vier unterschiedlichen Hamburger Bands.“, sagt Carol von Rautenkranz, späterer Gründer des Indielabels L’Age D’Or, in einem Interview mit dem NDR. Diese Konzertreihe etablierte sich ziemlich schnell und Carol von Rautenkranz und Pascal Fuhlbrügge kommen mit zahlreichen Bands in Kontakt. „Irgendwann haben wir dann gesagt: “Nur Konzerte veranstalten ist ja ein bisschen langweilig, wir könnten ja auch mal Platten rausbringen.““ Gesagt, getan: Am Nachmittag eines Konzertes der Reihe „Hamburg 88“ versehen Carol von Rautenkranz und Pascal Fuhlbrügge ein paar Singles von „Kein Schulterklopfen“ der Kolossalen Jugend mit L’Age D’Or Stickern und verkaufen diese am Abend als erste CD des Labels. Sogar der einflussreiche „Poppapst“ Diedrich Diedrichsen wird auf die CD aufmerksam und schreibt im Magazin Spex: „Die beste Platte der Welt kommt heute aus Hamburg“.

Zunächst veröffentlichen von Rautenkranz und Fuhlbrügge auf ihrem Label unter anderem Produktionen ihrer eigenen Bands. Fuhlbrügge ist Mitglied der Kolossalen Jugend, einer bekannten Hamburger Schule Band der ersten Stunde und Rautenkranz vertreibt sich seine Zeit in einer Darkwave meets Indie – Band namens Die-Giants. Bald nehmen sie die Bands, denen sie zuvor schon auf die Bühnen der Hansestadt verholfen hatten, unter Vertrag. „Wir hatten mit ein paar Bands sehr gut zusammengearbeitet, und es gab keine Labels zu dieser Zeit, wo man gesagt hätte, die kümmern sich wirklich darum.“ Unter anderem Ostzonensuppenwürfelmachenkrebs und Huah!, die relativ erfolgreiche Vertreter der zu der Zeit aufstrebenden Hamburger Independentszene sind. Im Winter 89/90 veröffentlicht man den ersten L’Age D’Or Sampler „Dies ist Hamburg (nicht Boston)“, die den Abschluss der „Hamburg“ Konzertreihe bildet und alle Künstler des Labels featured. Zu dieser Zeit wird auch den Medien bewusst, welch feine Indiemusik gerade in Hamburg produziert wird, L’Age D‘Or wird in Umfragen von Szenemagazinen zum Label der Stunde gekürt. Doch genauso so schnell, wie sich L’Age D’Or einen Namen in der Independentszene macht, bekommt man die Probleme die ein solches Independentdasein mit sich bringt zu spüren und das Label gerät in seine erste finanzielle Notlage. „Wir hatten ein, zwei Jahre lang Platten herausgebracht, die zwar großen Kredit bekommen haben, die aber dann nicht so verkauft wurden.“

Abhilfe schafft 1991 ein Deal mit dem Major-Label Polydor, an dessen Spitze zu diesem Zeitpunkt Tim Renner, Auto des Buches „Kinder der Tod ist garnicht so schlimm!“, in dem es um die Zukunft der Musikindustrie geht, steht. „Mit Tim verstand man sich auf Anhieb, es war ein gleiches Verständnis für Pop, er kannte das Label, und so haben wir einen Labeldeal gemacht auf der Popkomm 1991.“ Polydor verpflichtet sich im Rahmen dieses Deals, eine bestimmte Anzahl von Platten von L’Age D’Or abzunehmen und behält sich im Gegenzug ein sogenanntes Vorkaufsrecht auf Künstler vor, in denen man das Potential sieht, diese selbst gewinnbringend zu vermarkten. Wirft man einen Blick auf Albumtitel die zu dieser Zeit auf L’Age D’Or erscheinen, so merkt man schnell das Unbehagen, mit dem einige Künstler auf diese „Kooperation“ reagieren. Titel aus dieser Phase sind zum Beispiel „Scheiß Kapitalismus“ oder „Für die anderen“. Doch aller Unzufriedenheit mancher Künstler zum Trotz, ist durch diesen Deal zumindest der Fortbestand von L’Age D’Or für das Erste gesichert.

Im folgenden Jahr tritt schließlich mit Die Sterne eine der bekanntesten Hamburger Schule Bands auf den Plan. Deren Debütsingle „Fickt das System“ wird nicht nur wegen des provozierenden Titels stark diskutiert. 1994 erscheint dann mit Tocotronic die zweite große Band der Hamburger Schule auf der Bildfläche, nachdem sie von von Rautenkranz auf einem Konzert entdeckt und sofort unter Vertrag genommen wird. „In ihrer Art waren die Jungs schon sehr eigen und merkwürdig. Ich dachte: “Wenn ich diese Band jetzt nicht unter Vertrag nehme, wieso habe ich den Job dann die ganze Zeit gemacht?““. Die zweite Veröffentlichung von Tocotronic „Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein“ wird zum Slogan für viele Jugendliche dieser Zeit, und das Label L’Age D’Or, dass als kleiner Zweimannbetrieb angefangen hatte, wird zum Inbegriff und Knotenpunkt der „Hamburger Schule“. Ein Stempel den die Medien diese Art von Musik aufdrücken. Die Musiker selbst bevorzugen den Begriff des „Diskurs-Pop“. Das Debütalbum „Digital ist besser“ ist 1995 für Tocotronic und auch L’Age D’Or ein großer Erfolg. Als der Labelvertrag mit Polydor schließlich ausläuft hat sich die finanzielle Lage von L’Age D’Or, die ja der ausschlaggebende Punkt des Deals war, nicht verbessert, ganz im Gegenteil. „Wir dachten ja, wir hätten hinterher keine Schulden mehr – aber wir hatten dann doppelt so viele. Es ging dann aber trotzdem immer weiter und es kamen auch neue Sachen hinzu.“

Trotzdem gehören die Jahre nach der Kooperation mit Polydor zu den erfolgreichsten der Label Geschichte, und werden auch von von Rautenkranz selbst als das „Goldene Zeitalter“ des Labels gesehen. „Die erfolgreichsten Jahre waren sicherlich von 1995 bis 1998. Die Sterne hatten schon zwei Platten gemacht und mit dem dritten gingen sie 1996 dann durch die Decke. Bei Tocotronic liefen die erste und zweite Platte schon sehr gut. Aber die dritte lief noch besser. Ab der dritten Platte gab es die Zusammenarbeit mit Motor Music, wo man auch mehr Vertriebs- und Marketing-Power am Start hatte.“ Ab dieser Zeit wurden immer mehr Bands von L’Age D’Or auf Majors veröffentlicht, das Management, die Vinylveröffentlichungen sowie der Verlag, bleiben aber in den Händen des kleinen Hamburger Indielabels. Ende der 90er Jahre öffnet L’Age D’Or sich zunehmend für Bands, die längst nicht mehr alle unter den Deckmantel „Hamburger Schule“ passen. „Als Genre-Label wissen deine Fans ganz genau, was sie von dir zu erwarten haben. Allerdings bleiben dir dann kaum Entwicklungsmöglichkeiten. Trotzdem gibt es bei aller Vielfalt unseres heutigen Angebots immer noch einen L’Age D’Or-Geist. Sie (eine typische L’Age D’Or-Band, Anmerk. d. Verfasserin) ist immer ein bisschen komisch und eigen. Sie darf nicht platt klingen, sondern muss uns Spaß machen und überraschen.“ So gründet man zum Beispiel mit Ladomat2000 ein Sublabel für elektronische Klänge, das mit Bands wie Commercial BreakUp und Whirpool Productions einige Achtungserfolge landen kann. Neue Labeldeals werden abgeschlossen und über die Stadtgrenzen hinaus sucht man nach Gruppen, die den „L’Age D’Or-Geist“ in sich tragen. Diese müssen auch nicht unbedingt deutsch singen. „Die ganze Situation hat sich seit 1986 völlig umgekehrt. Alle Plattenfirmen – ob groß oder klein – schauen nach Bands, die deutsch singen. Dagegen stehen einige neuere LADO Bands, wie The Robocop Kraus oder Timid Tiger für das Gegenteil: Sie kommen aus Deutschland, klingen aber sehr international.“Auch in Hamburg, bei ihren Wurzeln suchen die Labelverantwortlichen weiter nach neuen Musikperlen. Fündig werden sie schließlich bei Spillsbury, deren Album – wie zu viele Alben von L’Age D’Or – zwar gute Kritiken bekommt, sich aber längst nicht so gut verkauft wie erhofft.

So ist es dann 2007 finanziell um L’Age D’Or schließlich so schlecht bestellt, dass der einstige Labelgründer Carol von Rautenkranz neunzehn Jahre nach der Gründung den Labelbetrieb weitestgehend einstellen, oder zumindest einschränken muss, um die drohende Insolvenz abzuwenden. Der eigentliche Niedergang des einstigen Knotenpunktes der Hamburger Schule beginnt jedoch schon viel früher. „Es kamen viele Sachen zusammen.“ Man erkennt zu spät, dass die Zeiten im Musikbusiness immer rauer werden und man zu unpopulären Maßnahmen wie Kündigungen greifen müsste. Auch veröffentlicht man zu viele Newcomer, die sich nicht rentieren, anstatt zu versuchen, die großen Cashcows an sich zu binden. Zudem läuft Ende 2006 noch der letzte Labeldeal von Ladomat mit Mute aus, „Das bedeutete, das wir im ersten Halbjahr drei Labels mit Veröffentlichungen selber schultern mussten, die alle nicht so liefen wie geplant.“ Erdrückt von den damit anfallenden Kosten, zusammen mit den nach wie vor zu hohen Personalkosten und Altlasten kommt es schließlich zu besagter Insolvenz. Wie es mit L’Age D’Or weiter geht, ist eine Frage, die noch nicht einmal der Chef selbst beantworten kann. „Wenn ich heute ein Label machen würde, dann würde ich das auch ganz anders machen wollen. Aber es ist irgendwie noch nicht an der Zeit. (…) Ich habe einen gewissen Anspruch an die Arbeit – und diese Arbeit kostet Geld. Und einfach irgendwelche Platten rauszubringen finde ich auch nicht richtig. Das muss man dann schon vernünftig machen.“

Was bleibt ist der momentane Einmannbetrieb eines Labels, dessen „Goldenes Zeitalter“ ein Genre prägte, wie es nur selten geschieht.

__________________________________________________________________________ Nadine Pohse

„Hamburger Schule“

Der Begriff „Hamburger Schule“ wurde von Journalisten als Überbegriff für Indiemusik aus Hamburg ab Ende der 1980er Jahre genutzt, nachdem zuvor von „Diskurs-Pop“ gesprochen wurde, und die Bravo die unfreiwillig komische Wortkonstruktion „Twingel Twangel Beat“ in den Raum warf. Das Label L’Age D’Or wurde insoweit zum Inbegriff der Hamburger Schule, als dass es den Großteil der Bands beherbergte, auf die diese Beschreibung passt, zu den bekanntesten Vertretern gehören Tocotronic und Die Sterne. Ab der Jahrtausendwende gab es eine zweite Reihe von Bands, wie Tomte und Kettcar, die als „neue“ Hamburger Schule bezeichnet werden.

Tim Renner

Tim Renner ist ein deutscher Musikproduzent, Journalist und Autor. 1986 begann er seine Karriere als Artist & Repertoire Manager bei der Polydor. 1994 übernahm er die Leitung des Polygram Sub-Labels Motor Music Ltd. Von 2001 bis 2004 war er Vorsitzender der Universal Music Group Deutschland. Nachdem er seinen Chefposten bei Universal 2004 räumte schrieb, er das Buch „Kinder, der Tod ist garnicht so schlimm!“, in dem er die Zukunft der Musikindustrie thematisiert.