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Es ist Sommer in der Hauptstadt. Später an diesem heißen Julitag wird es kräftig gewittern, noch steht die Sonne hoch am Himmel. Das Gespräch mit der Allround-Künstlerin Bernadette La Hengst über Werdegang und aktuelle Projekte kann draußen stattfinden.
La Hengst sitzt in einem rot-weißen Strandkorb zwischen Volleyball-Netzen und Sonnenliegen. Wo jetzt Kinder Sandburgen bauen, verlief früher die Grenze zwischen Ost und West. Noch immer treffen hier die Gegensätze aufeinander: auf der einen Seite das hippe, mondäne Berlin-Mitte, auf der anderen der proletarische Wedding. La Hengst wohnt nur wenige Meter entfernt von der Freizeitanlage. „Gerade diese Gegensätze sind es, die den Ort so anziehend machen“, sagt die 42-jährige und streicht sich eine blonde Strähne hinters Ohr.
Die Geschichte von der Popmusikerin und Politaktivisten beginnt aber nicht in der pulsierenden Großstadt, sondern viel provinzieller im ostwestfälischen Bad Salzuflen. Als Tochter mittelständischer Eltern lernt La Hengst als junges Mädchen Klavier und Gitarre zu spielen. „Mir war schon früh klar, dass ich auf die Bühne möchte“, versichert sie – mit welcher Kunst wusste sie noch nicht. Lange hegt sie den Traum, Schauspielerin zu werden, doch es kommt anders. Eine Gruppe junger Männer philosophiert über Sozialismus, träumt vom großen Leben und macht selbst Musik. Sie heißen Frank Spilker, Bernd Begemann oder Jochen Distelmeyer. Ihr Label, auf dem sie erste musikalische Gehversuche auf Kassetten aufnehmen, nennen sie sehnsuchtsvoll Fast Weltweit. Allesamt singen sie auf Deutsch. Im Forum Enger, der einzigen Diskothek, in der sich die Eigenbrötler zu Hause fühlen, schließt La Hengst erste Kontakte. Sie beginnt, eigene Lieder zu schreiben und erhält Zutritt zu exklusiven Fast Weltweit-Club. Hier fühlt sie sich respektiert, gleichzeitig aber auch ein wenig belächelt. „Ich war zwar selbstbewusst, hatte aber nicht die Codes, die einen als „cool“ definieren. Ich habe mich damals mehr fürs Theater interessiert und das Liederschreiben nicht so ernst genommen. Bei den Jungs hatte ich immer das Gefühl, dass sich alles darum drehe, sich wichtig zu fühlen und sich zu artikulieren. Das war nicht so mein Ding zu der Zeit.“
Während die männlichen Fast Weltweit-Mitglieder ihr Glück in Hamburg suchen, hat La Hengst etwas anderes vor. Doch ihr Plan, in Berlin Theater zu spielen, will nicht so recht klappen und so geht die damals 25-jährige 1989 schließlich auch nach Hamburg, um eine eigene Band zu gründen.
Das alles erzählt sie ohne den kleinsten Hauch von Nostalgie in ihrer Stimme, gleichwohl hat ihr die Zeit viel bedeutet. In Hamburg findet sie gleichgesinnte Musikerinnen. Die Formationen heißen die Mobylettes und Die Braut Haut Ins Auge. Sie orientieren sich am Punk und an den emanzipierten Riot Grrrls aus den USA. „Anfang der Neunziger hatte ich das Gefühl, es gibt ganz viele Musikerinnen, mit denen man sich anfreunden kann. Und wenn man sich erstmal auf die Suche begibt, dann fallen einem auch immer mehr auf. Es geht ja nicht darum, den Mangel festzustellen, sondern die Vielfältigkeit zu zeigen.“ Bereits zu dieser Zeit versteht sich La Hengst als Postfeministin. Der Feminismus müsse nicht mehr umgesetzt werden, sie zähle sich schon zur Generation danach. Während sie ihre Füße im Sand vergräbt, fügt sie hinzu, dass sie das heute etwas anders sieht. Man befinde sich immer in irgendeiner feministischen Bewegung. Und La Hengst bezieht Stellung.
Eine Weile lang bildet sie Netzwerke für Musikerinnen und arbeitet als Produzentin. Als sich
Die Braut Haut Ins Auge nach dem Jahrhundertwechsel auflöst, beteiligt sie sich an der Organisation des ersten Ladyfests auf deutschem Boden. Hier soll der Unterrepräsentation
von Frauen in der Kunst- und Musikszene entgegengetreten werden. Solche Veranstaltungen sieht La Hengst heute kritisch: „Das organisierte Netzwerken birgt das Risiko, dass man sich nach außen abschottet. Um das Ladyfest, das meines Erachtens für Männer als auch für Frauen eine sehr offene Sache war, ist nach gewisser Zeit eine Mauer gebaut wurden. Ladyfest ist jetzt in vielen Städten eine Sache von Frauen für Frauen und das interessiert mich nicht.“ Auf ihrer aktuellen CD, Machinette, reimt sie zu sparsamer Instrumentierung: „Dies hier ist kein Gender Studies-Projekt, nein, es geht um unseren gegenseitigen Respekt.“
Musik zu machen ist für La Hengst eine Form der Selbstermächtigung. In ihren Liedern geht es nicht nur ums Frausein, sondern um Träume und Utopien einer besseren Welt. Auf den Alben, die sie in Eigenregie ohne feste Band eingespielt hat, klingt sie zunehmend elektronischer. Vieles entsteht und materialisiert sich in ihrem Schlafzimmer, das mittlerweile wieder in Berlin und nicht mehr in Hamburg steht. Bernadette La Hengst ist eine Selfmade-Woman. Nachts spielt sie in süffigen Clubs, tagsüber ist sie Mutter eines fünfjährigen Mädchens. Manchmal kommen Zweifel auf. Im Lied „Rockerbraut und Mutter“ rätselt sie, wie sie den unterschiedlichen Rollenanforderungen gerecht werden kann.
Zwar nimmt Musik im Kreativleben von La Hengst einen hohen Stellenwert ein, doch sie verfolgt auch zahlreiche andere Projekte. Im linkspolitischen Hörspiel „Der innere Innenminister“ etwa diskutiert sie mit Wolfgang Schäuble, dessen O-Töne zu einem fiktionalen Streitgespräch zusammengemixt wurden. Auf Demonstrationen motiviert sie Protestler mit schauspielerischen Live-Performances. Überhaupt – die Schauspielerei, der lang gehegte Traum, erfüllt sich nun doch auf Umwegen. In Freiburg stellt La Hengst den Soundtrack zur „Bettleroper“, die sich lose an der „Beggar’s Opera“ von John Gay und Johann Pepusch orientiert. Allerdings stehen echte Bettler und Obdachlose auf der Bühne. „Eichbaumoper“ nennt sich ein anderes Theaterprojekt, das Bernadette La Hengst zusammen mit fünf weiteren Künstlern in einer alternativen Kultureinrichtung auf einer U-Bahnstation und gleichzeitigem Autobahnkreuz zwischen Essen und Mühlheim inszeniert. Hier ist sie nicht nur maßgeblich an der Konzeption und Produktion beteiligt, sondern präsentiert sich dem Publikum in einer Szene auch als Librettistin und Schauspielerin.
La Hengst lugt aus dem Strandkorb heraus und blinzelt fröhlich der Sonne entgegen, vor der sich allmählich schwere Wolken auftürmen: „Das Schöne ist, ich kann’s nicht und mach’s trotzdem. Ich muss mich jedes Jahr neu definieren, deswegen kann ich diesen Begriff ‚Musikerin’ gar nicht so fest verankern. Ich bin irgendwie Künstlerin, und das kann alles Mögliche sein.“
Christoph Reimann
Gespeichert unter: Portrait | Schlagworte: Berlin oder Hamburg, Feminismus, HUAH!
„Ich bin hier groß geworden in diesem Dorf am Ende der Welt / Manchmal denke ich, ich bin noch gar nicht geboren/ in diesem Dorf am Ende der Welt / ich wache auf und gehe verloren / in diesem Dorf am Ende der Welt, am Ende der Welt“ heißt es auf dem Album Machinette. Kaum zu glauben, aber Bernadette La Hengst, innovative und vielseitige Künstlerin, wuchs als Tochter eines Orthopädiegeschäftsführers im Kurort Bad Salzuflen auf. Viele Musiker der Musikbewegung Hamburger Schule stammen aus der ostwestfälischen Provinz, unter anderem Frank Spilker, Sänger der Band Die Sterne oder Jochen Distelmeyer, Kopf von Blumfeld. La Hengst lernte bereits zu Schulzeiten Spilker und mit ihm die anderen Mitglieder des Labels Fast Weltweit kennen. Schon länger hatte sie sich als Musikerin und Songschreiberin probiert, nun entschloss sie sich, ihre erste eigene Platte aufzunehmen. Dass sie das einzige Mädchen im Kreis der Musiker war, schüchterte sie nicht ein, ganz im Gegenteil: „Was die Jungs konnten, das konnte ich auch!“ sagt die 42-Jährige im Interview.
Auch wenn ihre Heimat nicht frei von künstlerischen Inspirationen und Möglichkeiten war, Bernadette La Hengst wollte schon damals mehr, fühlte sich eingeengt in ihrer kleinbürgerlichen Heimatstadt und zog, anders als die meisten ihrer männlichen Kollegen zunächst nach Berlin. Hamburg sei ihr damals „zu sauber“ gewesen, sagt sie. Von 1987 bis 1989 arbeitete sie dort als Schauspielerin. Doch die lebhafte Künstlerin hält es nicht lange in einer Stadt. „Diese Welt ist groß, / und ich bin nicht alleine, / und das Leben ist zu kurz, / um an einem Ort zu bleiben“ singt sie später in Copy me (I want to travel) auf ihrem zweiten Soloalbum La Beat. Im Jahr 1989 ging sie dann doch nach Hamburg und dort weiter ihrer musikalischen Karriere nach. Sie gründete die Punkband HUAH, war Mitglied der Beatband Mobylettes. Nach der Auflösung der Riot-Girl-Band und einzigen Frauenband der Hamburger Schule Die Braut haut ins Auge begann La Hengst 2002 ihre Solokarriere und verschönerte ihren bürgerlichen Nachnamen Hengst mit einem „La“. Bis heute hat sie drei Alben veröffentlicht. Ihr aktuelles Album Machinette (veröffentlicht im April 2008) lässt sich am ehesten als Pop beschreiben, ist aber, wie vermutet, viel mehr als das: Elektronisch und punkrockig, politisch und leichtfüßig, witzig und ehrlich. Ihre Texte sind innovativ und unverbraucht, haben aber dennoch oder gerade deshalb Ohrwurmcharakter. Sie sind oft feministisch, aber nicht frustriert oder verbittert, wie es Feministinnen oft vorgeworfen wird. „Und das Beste ist das zu wollen, was es noch gar nicht gibt / denn die Ketten, die fallen, machen die schönste Musik“ singt sie stattdessen in Freiheit ohne Sicherheit.
Bernadette La Hengst ist eine unabhängige Frau, die immer neue Wege findet, sich künstlerisch zu verwirklichen. Ob als Musikerin, Schauspielerin oder Mitorganisatorin des Hamburger Ladyfests. Ob als politische Aktivistin am Rande des G8-Gipfels in Heiligendamm oder in einem eher belanglosen Pop-Duett mit Dr. Renz von Fettes Brot („Das allererste Mal“, erschienen auf dem Album „Strom und Drang“).
Auf ihrer Homepage heißt es: „Machinette ist ortlos und sucht Utopien und Widersprüche zwischen den Dörfern am Ende und den Metropolen am Anfang der Welt.“ Ganz bis ans Ende der Welt kommt sie auf ihrer Tour zwar nicht, aber immerhin spielt sie das letzte Konzert im Bielefelder Jugendzentrum Kamp und stattet damit ihrer Heimat Ostwestfalen zumindest einen kurzen Besuch ab.
Annika Reith
Bernadette La Hengst live
am Samstag, 25. April im Kulturkombinat Kamp, Niedermühlen-kamp 43 in Bielefeld. Der Einlass ist um 20 Uhr, das Konzert beginnt um 21 Uhr.
Gespeichert unter: Portrait | Schlagworte: arthur dent, christoph leich, die antwort, die sterne, discount, fast weltweit, frank spilker, frank will, frank-spilker-gruppe, hamburger schule, staatsakt, thomas wenzel
„Humor ist ohne eine gewisse Traurigkeit irrelevant“
Sein Markenzeichen ist die unverwechselbare Stimme, die Ihn in den neunziger Jahren zum Frontmann der Hamburger Band „Der Sterne“ machte. Sein Talent ist das Schreiben von Texten, die hintersinnig und ironisch sind und sich zitatenreich zwischen Politik und Privatem bewegen. Der es schafft mit wenig Worten große Gedanken zu erzeugen. Dessen schnöseliger, manchmal unverständlicher Gesang, einen die Ohren spitzen lässt.
Ein Mann, der trotz seiner Größe immer etwas schüchtern und melancholisch wirkt, obgleich seine Augen verraten, dass hinter dieser Fassade ein wacher Beobachter lauert. Er hat deutsche Musikgeschichte geschrieben und denkt nicht daran damit aufzuhören. Die Rede ist von Frank Spilker.
„Bad Salzuflen – ich fühl’ mich wohl“ ist der Slogan der Website des ostwestfälischen Kurorts, in dem Frank Spilker 1966 geboren wurde. Seine Wurzeln liegen hier fest verankert, nicht nur der Herkunft wegen, sondern auch musikalisch. In der kleinen Provinz wurde 1985 das Independent-Label „fast weltweit“ gegründet. Damals dachte wohl niemand daran, welche Bedeutung einst dahinter stecken würde. „fast weltweit“ pflasterte den Weg für die „Hamburger Schule“ und somit für die deutschsprachige Pop-Musik. Die „Hamburg-Ostwestfalen-Verbindung“ entstand durch Mitbegründer Bernd Begemann, der als erster Ostwestfale nach Hamburg ging und seine Band „Die Antwort“ gründete. Durch dieses Verbindungsstück bekamen „fast weltweit“-Bands die Möglichkeit in Hamburg aufzutreten. So auch Frank Spilker. Er spielte zunächst bei „Discount“ und „Arthur Dent“ bis er seine „Sternstunde“ hatte. Er gibt seiner in wechselnder Besetzung auftretenden Band den Namen „Die Sterne“, wie er sagt: „damit das kein anderer mehr tun kann“.
1991 zieht Frank Spilker ebenfalls nach Hamburg und festigt dort seine Band zusammen mit Frank Will an den Tasten, Thomas Wenzel am Bass und Christoph Leich an den Drums. In dieser Besetzung lernt man sie 1992 kennen und in dieser Konstellation prägten sie die „Hamburger Schule“ und die deutschsprachige Pop-Musik bis heute.
Eine Leinwand ohne Farbe ist wie eine Melodie ohne Text.
Frank Spilker gehört wahrscheinlich zu den besten deutschen Songwritern. Er ist Zeit-, Ohren- und Augenzeuge unserer Zeit. „Ich will durch meine Texte das Bewusstsein stärken, dass es sich lohnt und auch wahnsinnig wichtig ist, gegen Missstände die Stimme zu erheben.“ Frank Spilkers Texte hören sich nicht glatt runter, sondern haben Ecken und Kanten über die man stolpert. „Das ist eben mein Ich oder meine Identität oder meine Art, mich auszudrücken.[...] Diese Art zu schreiben gehört einfach zu mir, wie eine zweite Haut.“ Aus diesem Grund empfand es Spilker als großes Glück, dass seine Songs und Texte in Hamburg schnell auf offene Ohren stießen und er Teil der Szene wurde. Heutzutage will Frank Spilker das Leben in der Großstadt nicht missen. Ihr verdankt er ein inspiriertes und kreatives Umfeld. Doch nicht nur die Musik hat es ihm angetan, auch die Prosa. So veröffentlichte er ein Online Tournee-Tagebuch und schrieb die Erzählung „Alte Liebe“. Frank Spilker, ein Mastermind.
„Die Sterne“ sind erstmal erloschen und machen Pause. 2006 veröffentlichten sie ihr vorerst letztes Album „Räuber und Gedärm“.
Frank Spilker kann aber nicht still sitzen. Das konnte er schon in der Hamburger Schule nicht. Zu viele Dinge und Ideen schwirren Ihm im Kopf herum, die Platz auf Papier brauchen. Aus diesem Gedankengut entstand nun im März 2008 „Mit all den Leuten“, sein Solodebüt unter dem Berliner Label „Staatsakt“. Seine Band bekommt den fantasiereichen Namen „Frank Spilker-Gruppe“ (kurz: FS.G). Vielleicht um zu zeigen, dass es sich hierbei um die Person Frank Spilker handelt und nicht um die Gruppe „Die Sterne“. Dieses Projekt ist ein Versuch, seine eigene Musik zu präsentieren. Und so hören wir auf diesem Album leisen und lauten Blues, einen angetrunkenen Chanson, vertrackten No Wave, luftigen Pop, Hammerbeats und Hymnen. Ein roter Faden zieht sich durch das Album, der dem aufmerksamen Hörer nicht entgeht. Frank Spilker beginnt bei der Unsicherheit, der Einsamkeit, dem Teufel Zweifel und endet in der feierlichen Umarmung seiner selbst. Der innere Rückzug wird zum Ausbruch nach Außen, zu einer Lebensumarmung bei vollem, kritischem Bewusstsein. Wer neue Ziele hat, muss neue Wege gehen.
Wer Frank Spilker live sehen will, hat am 03.04.2008, im Kulturgut Haus Nottbeck in Oelde, die Chance dazu. Im Rahmen der Ausstellung „stadt.land.pop“, die sich mit den Künstlern und der Szene der „Hamburger Schule“ beschäftigt, gibt die „Frank Spilker Gruppe“ ein Konzert. 20.00 Uhr ist Beginn. Karten gibt es unter 02529/945590.
Janina Tenge
Gespeichert unter: Portrait | Schlagworte: andré rattay, blumfeld, eike bohlken, franz kafka, hamburger schule, jochen diestelmeyer, kante, michael mühlhaus, peter theissen
1. Szene
Ein altes Buch mit Leineneinband, der sich etwas rau anfühlt. Klappt man es auf, riecht es leicht modrig. Eben wie ein altes Buch. Man liest dort von einem älteren Junggesellen, der in einer kleinen Wohnung wohnt, der dann und wann den Gedanken hat, sich einen Hund anzuschaffen um damit seine Einsamkeit zu bekämpfen und dessen einziger Kontakt zum anderen Geschlecht die Bedienerin ist, die sein Zimmer in Ordnung hält. Und als drückte dies alles nicht schon genug kühle Entfremdung aus, gesellen sich zwei kleine Zelluloidbälle zu ihm, die – umblättern – hinter seinem Rücken auf und ab hüpfen und die er – trotz inständigen Bemühens – nicht zu fassen kriegt. Er versucht, sie loszuwerden, indem er sie an Kinder aus seinem Wohnhaus verschenkt.
Aber die ganze triste Lebensumwelt dieses Junggesellen wird erst durch einen Einblick in seinen Arbeitsalltag in einer Fabrik vervollständigt. Nicht nur wachsen ihm die Aufgaben über den Kopf: er ist auch Angriffsziel von Spott und leidet unter seinen zwei minderjährigen Praktikanten. Sie sind eher hinderlich als produktiv und der ältere Junggeselle ist nicht fähig, sie in die Schranken zu weisen. Buch zu.
2. Szene
Ein Jugendzimmer. Hier und da ein paar Poster, bunt durcheinander gewürfelte Klamottenhaufen auf dem Boden, Papierstapel auf dem Schreibtisch und Literatur auf dem Nachtschrank. Kaffeegeruch. Man hört Musik. Eine aufgeklappte CD-Hülle liegt direkt neben dem Player, das abgegriffene Cover mit herausgestrichenen Eselsöhrchen daneben. Was man hört, ist kaum der allgemein kursierende Einheitsbrei: leicht schwingende Gitarrenmusik, tragender Rhythmus und eine sanfte, hohe, melodische Männerstimme. Sie singt Deutsch. Schlagerhaft. Aber dafür eben doch nicht platt genug…. Sie singt gutes Deutsch. Klingendes Deutsch. Poetisches Deutsch.
Nun statt Preisfrage ohne Gewinn gleich die Auflösung. Die erste Szene spiegelt die Lektüre von Franz Kafkas Erzählung „Blumfeld“, vor fast hundert Jahren verfasst und vielleicht für den ein oder anderen mittlerweile staubig zu lesen. Szene 2: Musik hören, moderne deutsche Popmusik. Doch jetzt: Kafka und Popmusik? Was zunächst als eine sich widersprechende Assoziation erscheinen mag, vereint tatsächlich eine der Hamburger Schule entsprungenen Band auf sich. Und dies nicht etwa sublim versteckt und nur zelluloidballhaft hinter dem Rücken hervorlugend, sondern direkt ins Gesicht lachend: Die Band heißt BLUMFELD! Wer sie nicht kennt, mag nun vermuten: „OK. Oberflächliche Verbindung. Der Name ist ja auch, so klingend und bildhaft wie er ist, passend für eine Band mit seichter Popmucke.“
Fast Weltweite Bandwurzeln in Bad Salzuflen
Doch weit gefehlt: tatsächlich gelten Blumfeld mit Jochen Diestelmeyer als zentraler Figur mit ihrer vielseitigen Musik, die die verschiedensten Stile einbindet (von Gitarrenpop über Post-Punk bis hin zu Indie-Rock), als Wunderkind der Hamburger Schule. Diese ist eine Bewegung, die Anfang der 1980er Jahre in Hamburg als eine deutschsprachige intellektuell politische Musikszene entstand. 1985 gründen Bernd Begemann und Michael Girke in Bad Salzuflen das Label Fast Weltweit, auf das Jochen Diestelmeyer zwei Jahre später durch einen Artikel in der SPEX aufmerksam wird. Er kontaktiert sie und mischt von nun an in der Gruppe mit, die ständig neue Bands und Projekte auf den Plan schreibt. Mit Mirko Breder und Thomas Wenzel bildet Diestelmeyer zunächst die Band Die Bienenjäger, mit der er verschiedene Demos aufnimmt. Vier dieser Songs erscheinen auf Fast-Weltweit-Kassettensamplern. Doch das Label bleibt erfolglos und die Mitglieder gehen schließlich ihren eigenen Projekten nach. Auch Jochen Diestelmeyer macht seine eigenen Schritte, die für die Physiognomie seiner späteren Band bedeutsam sein sollen: er schreibt viel, hört HipHop und beginnt zu entdecken: „Es ist ja doch möglich, heutzutage ein Zusammen von Musik und Sprache herzustellen.“
Blumfeld starten
Über die Kolossale Jugend, eine weitere Band der Hamburger Schule, lernt Diestelmeyer schließlich André Rattay und Eike Bohlken kennen, mit denen er im Frühjahr 1990 das Trio Blumfeld gründet. Nach der ersten Single „Ghetto-Welt“ im Jahr 1991 veröffentlichen Blumfeld 1992 ihr in der Indie-Presse gefeiertes Debütalbum „Ich-Maschine“. Zwei Jahre später folgt das Album „L’Etat Et Moi“, das erneut mit guten Kritiken gesegnet ist. Im Jahr 1996 verlässt der Bassist Eike Bohlen die Band, um sich seinem Philosophie-Studium widmen zu können. Ihm folgt der Sänger, Songwriter und Bassist der Band Kante, Peter Theissen und mit Michael Mühlhaus als Keyboarder bekommt Blumfeld 1998 weiteren Zuwachs. Diese Umbesetzung der Band markiert auch einen Wandel im Sound: vom Gitarrenfeedback bewegt sich die Gruppe hin zu einer poporientierten Musik. So überraschen Blumfeld im folgenden Jahr mit ihrem dritten Album „Old Nobody“, das von einen neuen und weicheren Sound und weniger verschachtelte Texte geprägt ist. Nach „Testament der Angst“(2001) erscheint 2003 das Album „Jenseits von Jedem“. Die Band ist mittlerweile nach dem Ausstieg von Peter Theissen, der sich nun ausschließlich auf seine Band Kante konzentrieren will, mit Vredeber Albrecht neu besetzt. Das letzte Blumfeld-Album „Verbotene Früchte“ erscheint 2006. Ein Jahr später trennt sich die Band, nachdem sie im Mai 2007 auf Abschiedstournee gegangen war.
Bleibender Ruhm durch Poesie
Doch damit verschwindeen Blumfeld nicht einfach so von der Bildfläche: nach ihrer Auflösung erscheint eine Reihe von Würdigungen, die allesamt Blumfelds herausragende Position unter den modernen deutschsprachigen Bands herausstellen. Ruhm, der bleibt. Ihre Texte sind gesellschaftskritisch, sie verurteilen den Konsum, geben politische Statements ab. Blumfeld liefern Lieder, denen angenehm leicht zuzuhören ist und die doch von den wichtigen Dingen des Lebens erzählen, die Schweres einfach erklären, in denen alles nebeneinander steht, Texttrauer umarmt von fröhlichen Melodien, lange und kurze Songs, harte und weiche, leichte und schwere. Und dabei ist das wahrscheinlich Bemerkenswerteste des Blumfeldkorpus noch das Lyrische ihrer Texte, die sie zu fliegenden Händlern der deutschen Sprache machen. Blumfeld sind „Diskursrocker“. Jochen Diestelmeyer hat sich immer wieder als äußerst talentierter Poet bewiesen. So kommen ihre weit reichenden Botschaften eben nicht in platten Statements zum Ausdruck, sondern schleichen sich auf poetischen Zehenspitzen an. „Nur Literatur macht sensibel für unsere Gefühle zu unserem Leben und wie wir uns darüber äußern; Sprache bildet unser Denken und unser fühlen ab“, sagt Jochen Diestelmeyer, der wahrscheinlich gerade aufgrund dieser seiner lyrischen Ader immer im Mittelpunkt Blumfelds stand. Schon sein Gesicht scheint ganz Gedicht zu sein, jungenhaft schelmisch und doch poetisch tief. Und vielleicht sogar gleichzeitig auch ein bisschen träumerisch weltentflogen. Wie die Musik. Und dieser Jochen Diestelmeyer erweist sich noch dazu als hervorstechender Literaturkenner, der Werke geliebter Schriftsteller und Lyriker in einer bunt gewürfelten Mischung immer wieder in seinen Texten aufgreift: Else Lasker-Schülers „Komm zu mir in der Nacht – wir schlafen engverschlungen“ taucht in „Tausend Tränen Tief“ auf, Paul Celan findet die ihm gebührende Würdigung „Von Dunkel zu Dunkel“ im Song „Eines Tages“ und seine Geliebte Ingeborg Bachmann ebenso im tausend Tränen Tiefen „Es könnte viel bedeuten“. Ein Einblick, drei Zitierte von einer ganzen Reihe. Diese vielfache Intertextualität ist ein weiterer Grund, der Blumfeld als Popband für den denkenden Menschen ausweist: Was für die einen pure „Verkopftheit“ ist, bezeichnen andere als Intellektualität. Und plötzlich passt Kafka. Kafkas Blumfeld-Erzählung kritisiert den Kapitalismus, die Gesellschaft. Themen der Band Blumfeld. Sie erzählt von Einsamkeit. Von (mangelnder) Liebe. Herz der Band Blumfeld. Aber nicht zuletzt ist sie ein ganz großes Stück Literatur. Und das sind Blumfelds Texte auch: Meisterwerke der Sprache. Blumfelds Musik darf man nicht nur hören! Man muss sie lesen!
Ilka Zänger